Die Nordbrücke zwingt Bonn zur Entscheidung

Das Mitgliedermagazin „Rückenwind“ des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Bonn/Rhein-Sieg widmet seine neue Ausgabe der gesperrten Nordbrücke. Die Texte handeln von weit mehr als Radwegen. Bonn muss entscheiden, wie es die Jahre bis zum Neubau bewältigt – und was die Stadt aus der Krise lernt.

Eine Brücke fällt aus, und plötzlich wird sichtbar, wie eine Stadt funktioniert. Oder wie schlecht. Seit der Sperrung der Bonner Nordbrücke Anfang Juni sortiert sich der Verkehr neu. Tausende Menschen suchen andere Wege über den Rhein, Autofahrer weichen aus, Pendler ändern ihre Routen. Zugleich geschieht etwas, das in der Verkehrspolitik gern als theoretische Möglichkeit behandelt wird: Menschen steigen um.

Die neue Ausgabe von „Rückenwind“, dem Mitgliedermagazin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Bonn/Rhein-Sieg, macht diese Erfahrung zu ihrem Schwerpunkt. Schon der Aufmacher liefert die entscheidende Zahl: „Nordbrücke zu: Radverkehr verdoppelt“. Vor der Sperrung fuhren nach den im Heft genannten Zählungen täglich rund 8.000 Radfahrer über die Kennedybrücke. Danach waren es zeitweise mehr als 20.000. Eine Verkehrskrise hat binnen Tagen geschafft, worüber Politik sonst jahrelang in Konzeptpapieren verhandelt: Menschen verändern ihr Verhalten, sobald die Bedingungen sich ändern. Das macht diese Ausgabe lesenswert.

Die Stadt reagiert – und greift auf alte Rezepte zurück

Die Nordbrücke gehört zu jenen Verkehrsadern, deren Bedeutung man erst bemerkt, sobald sie fehlen. Ihre Sperrung erzeugt Druck auf die Kennedybrücke, auf die innerstädtischen Achsen und auf die Verbindungen in den Rhein-Sieg-Kreis. „Rückenwind“ beschreibt ausführlich, wie die Stadt darauf reagiert. Ampelschaltungen werden verändert, Verkehrsflächen neu verteilt, Radwege geraten unter Druck. Besonders umstritten sind die geplanten Eingriffe an Oxfordstraße und Adenauerallee. Bereits wenige Tage nach der Sperrung stand die Forderung im Raum, Rad- und Umweltspuren zugunsten zusätzlicher Kapazitäten für Autos zurückzunehmen. Der ADFC hält diesen Weg für verkehrt. Wo sich während der Krise mehr Menschen aufs Fahrrad setzen, sollten die Verbindungen für sie nicht schlechter werden.

Das Argument reicht weiter als bis zum nächsten Radweg. Die entscheidende Größe einer Verkehrskrise lautet nicht: Wie viele Autos bekommen wir zusätzlich durch eine bestimmte Straße? Entscheidend ist, wie viele Menschen sich zuverlässig durch die Stadt bewegen können. Die sprachliche Verschiebung ist klein. Die verkehrspolitische Wirkung ist beträchtlich.

Ein Auto beansprucht auf einer überlasteten Straße erheblich mehr Raum als ein Fahrrad. Wer für einen Arbeitsweg von drei, fünf oder acht Kilometern aufs Rad steigt, schafft damit Platz für jene, die weiterhin auf das Auto angewiesen sind: Handwerker, Pflegedienste, Lieferverkehr, Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder Familien mit komplizierten Wegeketten. Radverkehr wäre dann nicht Gegenspieler des Autoverkehrs. Er würde helfen, den Autostau zu verringern.

Mein Beitrag: Das Ende einer Ausrede

Zu dieser Ausgabe gehört auch mein eigener Gastbeitrag. Er trägt den Titel „Nordbrücke als Ende einer Ausrede. Bonn muss sich entscheiden: Kurs Kopenhagen oder Kurs Auto.“ Wer dieses Heft bespricht und zugleich darin schreibt, sollte das nicht im Kleingedruckten verstecken. Mein Ausgangspunkt ist die Sperrung selbst. Bonn bekommt für einige Jahre eine Situation aufgezwungen, die keine Verkehrspolitik freiwillig gewählt hätte. Eine wichtige Rheinquerung fällt aus. Der Neubau wird dauern. Die Stadt kann nun versuchen, den Zustand vor der Sperrung mit Umleitungen, geänderten Ampelschaltungen und zusätzlichen Autospuren möglichst genau nachzubauen. Sie kann diese Jahre aber auch als Versuchsanordnung nutzen.

Dafür sind die Voraussetzungen in Bonn bemerkenswert. Im Beitrag verweise ich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Fast die Hälfte der Berufspendler in Deutschland hat einen Arbeitsweg von weniger als zehn Kilometern, mehr als ein Viertel bleibt unter fünf Kilometern. Für Bonn wird daraus eine interessante Rechnung. Die Stadt ist geprägt von Dienstleistungen, Verwaltungen, Ministerien, Bundesbehörden, Hochschulen, Kliniken, Medien und großen Unternehmen. Zehntausende Beschäftigte bewegen sich täglich auf Distanzen, die für einen Teil von ihnen auch mit Fahrrad oder Pedelec zurückgelegt werden könnten.

Niemand muss daraus die Behauptung machen, jeder könne jeden Tag aufs Fahrrad steigen. Das wäre lebensfremd. Es reicht, wenn genügend Menschen es an genügend Tagen tun. Verkehrsnetze brechen nicht zusammen, weil jedes einzelne Auto eines zu viel wäre. Sie brechen an ihren Engpässen zusammen, sobald dort die Kapazitätsgrenze überschritten wird. Einige tausend Fahrten weniger können deshalb eine Wirkung entfalten, die weit größer ist als ihr Anteil am Gesamtverkehr vermuten lässt.

Bonn braucht einen Dreijahresvertrag mit sich selbst

Ich schlage in meinem Beitrag deshalb einen „Dreijahresvertrag mit sich selbst“ vor. Die Zeit bis zu einer neuen Nordbrücke sollte Bonn als Praxistest begreifen. Welche Wege lassen sich verlagern? Wo fehlen sichere Verbindungen? Welche Kreuzungen bremsen? Wo brauchen Pendler brauchbare Abstellanlagen? Welche Arbeitgeber können Arbeitszeiten und Präsenztage verändern? Was leisten Homeoffice, Fahrrad, Pedelec, Bus und Bahn jeweils dort, wo sie am besten funktionieren? Das sind keine Fragen für einen Glaubenskrieg um Verkehrsmittel. Morgens um acht entscheidet sich ihre Bedeutung daran, ob Menschen in 25 oder in 50 Minuten zur Arbeit kommen.

Der Beitrag nennt unter anderem geschützte Radachsen, sichere Abstellmöglichkeiten an Bahnhöfen und großen Arbeitgebern, Vorrangschaltungen, betriebliche Reparaturangebote, Diensträder, Umkleiden, flexible Arbeitszeiten und koordinierte Präsenztage. Keine dieser Maßnahmen wird Bonn retten. Ihre Summe kann einen Unterschied machen. Verkehrspolitik findet damit nicht allein im Tiefbauamt statt. Sie beginnt auch in Personalabteilungen und Vorstandsetagen.

Guido Déus sollte dieses Heft lesen

Für Oberbürgermeister Guido Déus liegt darin ein politisches Angebot. Die Ausgabe stellt ihm keine einfache Rechnung hin. Sie stellt eine vernünftige Forderung: Beurteilt die Maßnahmen nach ihrer Wirkung. Wie entwickeln sich die Verkehrsströme auf den wichtigsten Achsen? Wo entstehen neue Engpässe? Welche Maßnahmen entlasten das Netz tatsächlich, welche verlagern den Stau nur um zwei Kreuzungen? Wie viele Menschen wechseln aufs Fahrrad oder in den öffentlichen Nahverkehr? Bonn sollte solche Daten regelmäßig erheben und veröffentlichen.

Die politische Debatte würde dadurch präziser. Ein zusätzlicher Fahrstreifen müsste dann ebenso zeigen, was er leistet, wie eine neue Radverbindung. Eine geänderte Ampelschaltung wäre kein Erfolg, weil sie auf dem Papier plausibel aussieht. Entscheidend wäre, ob das Gesamtnetz besser funktioniert. In einer Ausnahmesituation spricht außerdem viel für Lösungen, die sich verändern lassen. Bonn weiß heute noch nicht, wie sich die Verkehrsströme nach einem halben oder einem ganzen Jahr eingependelt haben werden. Wer jetzt jeden Straßenquerschnitt auf Dauer festlegt, nimmt sich die Möglichkeit zu lernen. Ausprobieren, messen, korrigieren: Für die kommenden Jahre wäre das eine brauchbarere Methode als der alte Reflex, bei stockendem Verkehr zuerst nach einer zusätzlichen Autospur zu suchen.

Die Arbeitgeber gehören an den Tisch

Eine zweite Empfehlung an den Oberbürgermeister betrifft die großen Arbeitgeber der Stadt. Bonn besitzt hier einen Vorteil. Eine überschaubare Zahl großer Einrichtungen erzeugt einen beträchtlichen Teil des Berufsverkehrs. Ministerien, Bundesbehörden, Universität, Kliniken, Unternehmen und internationale Organisationen können selbst beeinflussen, wann und wie ihre Beschäftigten unterwegs sind.

Im „Rückenwind“-Beitrag wird daraus ein konkreter Ansatz: Präsenztage könnten besser über die Woche verteilt werden. Arbeitsbeginn und Arbeitsende könnten flexibler werden. Sichere Fahrradabstellanlagen gehören an große Arbeitsorte. Diensträder, Umkleiden und Lademöglichkeiten für Pedelecs senken praktische Hürden. Jobtickets und kombinierte Wege mit Bahn und Fahrrad erweitern die Auswahl. Die Stadt sollte deshalb mit ihren größten Arbeitgebern nicht erst über Mobilität sprechen, wenn der nächste Stau schon steht. Eine einzige veränderte Arbeitszeit fällt im Verkehr nicht auf. Zehntausend veränderte Arbeitswege sehr wohl.

Eine Brücke könnte zum Symbol werden

Besonders reizvoll ist der Gedanke, die Nordbrücke für Fußgänger und Radfahrer wieder nutzbar zu machen, sobald der bauliche Zustand und die Sicherheitsanforderungen dies erlauben. Mein Beitrag beschreibt, welches Bild daraus entstehen könnte: Eine Brücke ist für den schweren motorisierten Verkehr gesperrt, Menschen zu Fuß und auf Fahrrädern können den Rhein jedoch wieder queren. Das wäre keine Inszenierung. Es würde unmittelbar vor Augen führen, wie unterschiedlich Verkehrsmittel Infrastruktur beanspruchen.

Daran schließt im Heft ein weiterer Beitrag an. Unter der Überschrift „Autobahnbrücken: Betriebswege für Radverkehr“ geht es um Betriebswege an neuen Autobahnbrücken, die nach Vorgaben des Bundes so dimensioniert werden sollen, dass darüber grundsätzlich auch Radverkehr abgewickelt werden kann. Der ADFC sieht darin eine Chance für den Neubau der Nordbrücke. Diese Frage gehört früh auf den Tisch. Eine Brücke, die über Jahrzehnte genutzt werden soll, sollte nicht allein die Mobilitätsgewohnheiten der Vergangenheit in Beton gießen.

Das Fahrrad führt durch die Stadtgeschichte

„Rückenwind“ bleibt in dieser Ausgabe keineswegs bei der Nordbrücke stehen. Gerade das macht das Heft sympathisch.

Das ADFC-Sommerfest in der Beueler Rheinaue steht ebenso im Magazin wie „Lit.Move“, eine literarische Radtour, bei der Autoren lesen und das Publikum von Station zu Station mit dem Fahrrad fährt. Der erste Fancy Women Bike Ride in Bonn verbindet das Rad mit einer internationalen Bewegung, die Frauen im öffentlichen Raum sichtbar machen will. Eine weitere Tour erinnert an Bonner Deserteure und verbindet Stadtgeschichte mit einer Fahrt durch die Gegenwart. Auch die Ortsgruppen kommen ausführlich zu Wort.

Im Ahrtal führt eine Route auf den Spuren von Krieg und Frieden vom ehemaligen Regierungsbunker in Richtung Remagen. Wachtberg berichtet über neue Radwege zwischen Ahr, Gemeinde und Bonn. Euskirchen plant mit dem „Radbogen“ eine Verbindung rund um die Innenstadt. In Hardtberg hat sich die Bonner Ortsgruppe nach Jahren wieder neu zusammengefunden. So zeigt das Magazin das Fahrrad in mehreren Rollen: als Verkehrsmittel, Freizeitgerät, Zugang zu Landschaft und Geschichte, gesellschaftlichen Treffpunkt und kommunalpolitischen Gegenstand. Das erklärt vielleicht auch, weshalb Debatten um Radwege so schnell grundsätzlich werden. Verhandelt wird auf wenigen Metern Asphalt die größere Frage, wie eine Stadt ihren öffentlichen Raum verteilt.

Kopenhagen ist kein Kopierauftrag

Der Titel meines Beitrags stellt Bonn vor die Alternative „Kurs Kopenhagen oder Kurs Auto“. Das ist bewusst zugespitzt. Bonn soll Kopenhagen nicht kopieren. Die Städte unterscheiden sich in Topographie, Größe, Pendlerströmen und Wirtschaftsstruktur. Kopenhagen steht in diesem Zusammenhang für eine Entscheidung: das Fahrrad nicht als Freizeitgerät mit verkehrspolitischer Sondergenehmigung zu behandeln, sondern als vollwertiges Verkehrsmittel.

Eine Stadt baut Radwege dann nicht hauptsächlich für Menschen, die ohnehin gern Fahrrad fahren. Sie schafft eine Infrastruktur, auf der möglichst viele Menschen für geeignete Wege überhaupt erst die Wahl bekommen. Für Bonn ist das während der Nordbrückensperrung keine Lifestyle-Frage.

Die Stadt benötigt für mehrere Jahre zusätzliche Transportkapazität, ohne eine zusätzliche Rheinbrücke zur Verfügung zu haben. Also muss sie die vorhandene Infrastruktur besser nutzen. Jeder Weg, der ohne Auto zurückgelegt werden kann, schafft Raum für einen Weg, bei dem das Auto gebraucht wird. Das wäre auch für Guido Déus eine interessante politische Linie. Er müsste sich weder zum Fahrradaktivisten erklären noch einen Kulturkampf gegen Autofahrer führen. Die Frage ist viel einfacher: Welche Mischung der Verkehrsmittel bringt in dieser außergewöhnlichen Lage die meisten Menschen möglichst verlässlich durch Bonn? Darauf muss die Stadt eine Antwort finden.

Die Brücke kommt zurück. Die Ausrede sollte es nicht.

Irgendwann wird Bonn wieder eine Nordbrücke haben. Dann wird die Versuchung groß sein, erleichtert zum früheren Zustand zurückzukehren. Das wäre wenig. Die kommenden Jahre liefern der Stadt einen Praxistest, den kein Verkehrslabor herstellen könnte. Tausende Menschen verändern bereits ihre Wege. Verkehrsströme verschieben sich. Eine Verdopplung des Radverkehrs auf der Kennedybrücke ist keine Prognose mehr. Sie ist geschehen. Nun kann Bonn beobachten, was daraus folgt.

Welche Veränderungen bleiben? Welche Infrastruktur fehlt? Wo funktioniert der Umstieg? Welche Maßnahmen entlasten tatsächlich? Was können Arbeitgeber beitragen? Und welche Verkehrsentscheidungen der Vergangenheit erscheinen plötzlich weniger selbstverständlich, sobald eine große Brücke ausfällt? Darum ist diese Ausgabe von „Rückenwind“ auch für Menschen interessant, die das Mitgliedsmagazin des ADFC bisher nicht gelesen haben. Das Heft dokumentiert eine Stadt in einer Lage, in der aus Verkehrspolitik sehr plötzlich praktische Krisenpolitik geworden ist. Guido Déus sollte es lesen. Die Nordbrücke wird neu gebaut. Bis dahin entscheidet Bonn, ob es drei Jahre lang lediglich den Mangel verwaltet oder herausfindet, wie beweglich diese Stadt ohne ihre wichtigste nördliche Rheinquerung sein kann.

Der Kontinent unter der Landkarte: Europas südöstliche Küsten kehren aus der Geschichte zurück

Europa hat sich angewöhnt, seine Zukunft in Brüssel zu suchen und seine Vergangenheit in Rom. Dazwischen liegt eine politische Geographie, die auf den Karten der Gegenwart meist erst dann sichtbar wird, sobald eine Pipeline ausfällt, eine Eisenbahnstrecke gesperrt wird, ein Hafen den Eigentümer wechselt oder ein Krieg die gewohnten Wege von Energie, Waren und Menschen unterbricht. Der Kontinent erscheint in solchen Augenblicken weniger als Wertegemeinschaft denn als System von Küsten, Flüssen, Gebirgspässen, Meerengen und Verkehrsachsen. Zwischen dem nördlichen Ende der Adria und dem östlichen Mittelmeer erstreckt sich ein Raum, dessen Staaten jung, dessen Städte alt und dessen Verbindungen älter als nahezu alle europäischen Verfassungen sind. Triest, Koper, Rijeka, Split, Dubrovnik, Bar, Durrës und Thessaloniki bilden keine politische Einheit. Auf der Landkarte des Handels, der Energieversorgung und der strategischen Planung rücken sie dennoch näher zusammen. Der Raum zwischen Adria, Donau und Ägäis war für Europa nie bloß Peripherie. Er war Durchgang, Vorfeld, Verbindung, Beute, Grenze und Gedächtnis zugleich.

Split und die Gleichzeitigkeit der Epochen

Die Vorstellung eines europäischen Südostens, der abseits der eigentlichen Geschichte liege, gehört zu den folgenreichsten Selbsttäuschungen des Westens. Paris, London und später Berlin schrieben ihre nationale Entwicklung als Erzählung politischer Verdichtung; der Raum entlang der östlichen Adria bewahrte dagegen die Spuren wechselnder Ordnungen. Das Römische Reich hinterließ Straßen, Städte und Verwaltungsräume. Nach der Teilung des Imperiums verlief quer durch die Region eine Grenze, die nie vollständig verschwand. Westliches und östliches Christentum, lateinische und griechische Schrift, venezianische Küstenherrschaft, osmanische Expansion und habsburgische Verwaltung überlagerten sich. Der Diokletianpalast in Split ist dafür das vollkommene Bild. Er steht nicht außerhalb der Stadt wie ein gebändigtes Monument, das den Besuchern in festgelegter Reihenfolge vorgeführt wird. Die Stadt hat den Palast besetzt, durchdrungen und weitergebaut. Wohnungen, Geschäfte, Gassen und Kirchen haben sich in die kaiserliche Anlage eingeschrieben. Die Antike liegt dort weder unter Glas noch hinter einer Absperrung. Sie ist zum Grundstück geworden. Europas Geschichte erscheint in Split nicht als Abfolge sauber getrennter Epochen, vielmehr als räumliche Gleichzeitigkeit.

Diese Gleichzeitigkeit widerspricht dem Nationalstaat, der eine Landschaft gern so darstellt, als habe sie immer schon auf seine Gründung gewartet. Die adriatische Küste erzählt eine andere Geschichte. Ihre Städte wechselten Herrschaft, Sprache und Verwaltungsrecht, ohne ihre Funktion zu verlieren. Ragusa, das heutige Dubrovnik, behauptete seine Eigenständigkeit durch Handel und diplomatische Beweglichkeit. Triest wurde zum Seehafen einer mitteleuropäischen Monarchie, deren politisches Zentrum weit im Binnenland lag. Rijeka diente Ungarn als Zugang zum Meer. Venedig beherrschte Küstenpunkte und Inseln, weil maritime Macht keine geschlossene Fläche benötigt; ihr genügen Häfen, Werften, Stützpunkte und verlässliche Routen. Das Osmanische Reich wiederum organisierte den südosteuropäischen Raum über Straßen, Märkte, Garnisonen, religiöse Gemeinschaften und lokale Vermittler. Jede dieser Ordnungen folgte einer eigenen politischen Grammatik. Gemeinsam war ihnen die Einsicht, dass die Kontrolle von Übergängen oft wertvoller ist als der Besitz großer, schwer zu verwaltender Flächen.

Der Nationalstaat und seine bereinigten Landkarten

Der Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts hat diese vielschichtige Geschichte in eindeutige Abstammungserzählungen gepresst. Aus Übergangsräumen wurden vermeintlich homogene Heimatlandschaften; Mehrsprachigkeit erschien nun als Verdacht, gemischte Städte als Störung, die wechselnde Zugehörigkeit einer Region als offene Rechnung. Historische und ethnographische Literatur beteiligte sich daran, indem sie Landschaften mit festen Charakteren versah und kulturelle Unterschiede in vermeintlich natürliche Eigenschaften verwandelte. Ein moderner Blick muss diese Kategorien hinter sich lassen. Kein Küstenstreifen besitzt ein ethnisches Wesen, kein Gebirge erzeugt einen Volkscharakter, keine Sprache verleiht einer Gemeinschaft ein unveränderliches Schicksal. Interessant bleibt etwas anderes: die Fähigkeit solcher Räume, politische Ordnungen aufzunehmen, umzudeuten und in materiellen Spuren zu speichern. Ein Hafen kann venezianische Fassaden, österreichische Verwaltungsbauten, jugoslawische Industrieanlagen und Terminals der globalen Containerwirtschaft nebeneinander tragen. Das macht ihn weder widersprüchlich noch unentschieden. Es macht ihn europäisch.

Die große Ausblendung nach 1989

Nach 1989 schien diese alte Geographie ihren Rang zu verlieren. Der Zusammenbruch des Ostblocks wurde als Sieg einer Ordnung gelesen, in der Handel, Recht und technische Vernetzung die Logik territorialer Macht allmählich verdrängen würden. Mit dem europäischen Binnenmarkt, der Osterweiterung, der gemeinsamen Währung und dem Schengen-Raum entstand tatsächlich ein historisch neuartiges Gefüge. Grenzen verloren im Alltag von Millionen Menschen ihre Härte. Die Landkarte verwandelte sich in ein Netz von Lieferketten, Flugverbindungen, Datenströmen und Produktionsstandorten. Der politische Fehler lag weniger in dieser Öffnung als in der Annahme, sie habe die Bedingungen ihrer eigenen Existenz überflüssig gemacht. Häfen, Eisenbahnen, Energiequellen, militärische Sicherung und staatliche Handlungsfähigkeit verschwanden nicht. Sie wurden lediglich aus dem Gesichtsfeld ausgelagert. Europa hielt die Infrastruktur seiner Offenheit für eine Naturgegebenheit.

Der russische Krieg gegen die Ukraine hat diesen Irrtum mit Gewalt beendet. Seitdem kehren Begriffe in die politische Sprache zurück, die über Jahrzehnte als Relikte eines überwundenen Zeitalters galten: Versorgungslinie, strategische Tiefe, militärische Mobilität, Energieunabhängigkeit, Einflusszone, Resilienz. Die Nordseehäfen, die Ostsee, das Schwarze Meer und die Adria werden erneut als zusammenhängende Sicherheitsräume betrachtet. Im europäischen Verkehrsnetz sind zivile und militärische Anforderungen inzwischen kaum noch sauber zu trennen. Eine Brücke trägt Güterzüge und im Krisenfall schweres Gerät; ein Hafen löscht Container und kann zugleich für militärische Verstärkung entscheidend werden; eine Eisenbahnstrecke dient dem Handel und bildet einen Korridor politischer Handlungsfähigkeit.

Brüssel entdeckt den Raum zwischen Alpen und Ägäis

Die europäische Verkehrspolitik ordnet Straßen, Schienenwege, Binnenwasserstraßen, Seewege, Häfen, Flughäfen und Terminals inzwischen als zusammenhängendes Netz. Der neu gefasste Korridor zwischen dem westlichen Balkan und dem östlichen Mittelmeer verbindet Mitgliedstaaten der Union mit Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Nordmazedonien und Albanien. Die bürokratische Bezeichnung verdeckt die historische Dimension des Vorhabens. Kartographisch wird wiederhergestellt, was Händler, Militärs und Verwaltungsbeamte seit Jahrhunderten wussten: Mitteleuropa endet nicht an den Alpen, und der Balkan beginnt nicht jenseits einer unsichtbaren Zivilisationsgrenze. Beide Räume greifen ineinander.

An dieser Stelle erhält die Adria eine neue Bedeutung. Das LNG-Terminal auf der kroatischen Insel Krk verändert die Bewegungsrichtung europäischer Energie. Gas erreicht Mitteleuropa nun auch aus dem Süden, über einen maritimen Zugang, der die Abhängigkeit von einzelnen östlichen Leitungswegen verringern kann. Die Insel, lange vor allem als Ferienlandschaft wahrgenommen, ist damit Bestandteil einer kontinentalen Sicherheitsarchitektur geworden. Ihre Bedeutung erwächst nicht aus einem dort entdeckten Rohstoffvorkommen. Sie entsteht aus der Verbindung von Lage, Hafenanlage, Speichertechnik und Leitungsnetz. Geopolitische Macht besteht im 21. Jahrhundert häufig nicht im Besitz einer Ressource, sondern in der Fähigkeit, ihren Weg zu verändern.

Die neue Nord-Süd-Achse

Der Ausbau solcher Verbindungen folgt einer größeren Verschiebung. Europas Infrastruktur war historisch auf Ost-West-Achsen ausgerichtet: von Rohstoffgebieten zu Industriezentren, von den Hauptstädten des Ostblocks nach Moskau, von den neuen Mitgliedstaaten zu den Märkten Westeuropas. Die Drei-Meere-Initiative versucht, die lange vernachlässigten Nord-Süd-Verbindungen zwischen Ostsee, Schwarzem Meer und Adria auszubauen. Ihr Vokabular klingt technokratisch: Verkehr, Energie, Digitalisierung. Politisch beschreibt sie jedoch die Korrektur einer historischen Asymmetrie. Ein Raum, der über Jahrhunderte von den Interessen außenliegender Zentren gegliedert wurde, baut Verbindungen innerhalb seiner eigenen Nord-Süd-Ausdehnung.

Eine solche Achse schafft noch keinen neuen europäischen Schwerpunkt. Sie verändert jedoch die Bedingungen, unter denen politische und wirtschaftliche Entscheidungen fallen. Ein Staat, der seine Energie ausschließlich über eine Richtung bezieht, ist verwundbar. Ein Hafen ohne leistungsfähige Verbindung zum Hinterland bleibt regional. Eine Eisenbahnlinie, die an jeder Grenze auf andere technische Standards trifft, taugt kaum als strategischer Korridor. Die Landkarte wird erst dort politisch, wo Wege tatsächlich benutzbar sind. Straßen, Schienen, Leitungen und Datenverbindungen bilden deshalb keine nachgelagerte Infrastruktur einer bereits bestehenden Ordnung. Sie erzeugen diese Ordnung.

Pekings Vorsprung im Denken der Knotenpunkte

China hat die politische Bedeutung von Infrastruktur früher und entschlossener begriffen als viele europäische Regierungen. Die chinesische Seidenstraßenpolitik wurde im Westen lange anhand einzelner Hafenbeteiligungen, Kreditverträge und Eisenbahnprojekte diskutiert. Ihr eigentlicher Gegenstand war nie ein bestimmter Hafen. Sie zielte auf die Verkürzung von Wegen, die Sicherung von Umschlagpunkten und die dauerhafte Verankerung wirtschaftlichen Einflusses in materiellen Strukturen. Ein Terminal besitzt eine längere Lebensdauer als ein Regierungsabkommen. Eine Bahntrasse schafft Abhängigkeiten, die keinen täglichen politischen Befehl benötigen. Ihre Spurweite, ihre Finanzierung, ihre Betreiberverträge und ihre Anschlüsse legen Entscheidungen für Jahrzehnte fest. China handelte damit nach einer Logik, die Venedig, Wien, Konstantinopel und London verstanden hätten: Wer die Knoten kontrolliert, muss nicht jeden Quadratkilometer beherrschen.

Europa antwortet darauf inzwischen mit eigenen Investitionsprogrammen, Sicherheitsprüfungen und einer neuen Aufmerksamkeit für Eigentumsverhältnisse. Doch die strategische Frage reicht tiefer. Sie betrifft das Verhältnis zwischen Offenheit und Kontrolle. Ein Hafen lebt vom Zugang vieler Akteure; völlige Abschottung zerstörte seine Funktion. Zugleich kann eine Infrastruktur, deren Betrieb, Finanzierung oder digitale Steuerung dauerhaft von einem außenpolitischen Rivalen abhängt, die Handlungsfreiheit eines Staates einschränken. Europäische Souveränität kann daher weder Autarkie bedeuten noch die naive Fortsetzung jener Globalisierung, in der jede Abhängigkeit als Ausdruck effizienter Arbeitsteilung galt. Sie verlangt die Fähigkeit zum Wechsel: alternative Häfen, zusätzliche Leitungen, interoperable Schienennetze, redundante Datenwege, eigene Betreiberkompetenz. Der entscheidende Rohstoff dieser Ordnung heißt nicht Gas, Stahl oder Halbleiter. Er heißt Option.

Die endlose Wartezone vor den Toren der Union

Ähnliches gilt für die politische Erweiterung der Europäischen Union. Über viele Jahre behandelte Brüssel den Westbalkan wie einen Vorraum, in dem Kandidaten geduldig Reformkataloge abarbeiten sollten, während die Mitgliedstaaten über ihre eigene Aufnahmefähigkeit stritten. Diese Verwaltungslogik enthielt eine gefährliche Botschaft: Die Region gehöre zwar grundsätzlich zu Europa, doch ihre tatsächliche Zugehörigkeit könne auf unbestimmte Zeit vertagt werden. Inzwischen hat der Krieg in der Ukraine die Erweiterung wieder zu einer strategischen Frage gemacht. Der Prozess bleibt an Rechtsstaatlichkeit, demokratische Institutionen, Korruptionsbekämpfung und die Übernahme des europäischen Rechts gebunden. Gerade diese Bedingungen unterscheiden die Union von historischen Imperien. Politisch lässt sich die Erweiterung dennoch nicht mehr als bürokratische Belohnung für erfolgreich erledigte Kapitel verstehen. Sie entscheidet darüber, ob die Europäische Union ihren eigenen geographischen Raum ordnet oder ihn der Konkurrenz äußerer Mächte überlässt.

Die Region darf dabei nicht erneut zum Objekt einer großräumigen Machtphantasie werden. Ihre Geschichte war reich an Akteuren, die den Balkan als Schachbrett beschrieben und dabei übersahen, dass auf diesem Brett Menschen mit eigenen politischen Interessen, sozialen Konflikten und Erinnerungen leben. Jede geopolitische Analyse gerät in Gefahr, Staaten zu Feldern, Häfen zu Figuren und Bevölkerungen zu bloßen Faktoren zu verkleinern. Die Alternative besteht jedoch nicht im Verzicht auf Geographie. Sie besteht in einer Geographie ohne Determinismus. Berge erschweren Verbindungen, sie schreiben keine Feindschaft vor. Küsten erleichtern Handel, sie garantieren keinen Frieden. Gemischte Gesellschaften tragen Konfliktmöglichkeiten in sich, ebenso die Fähigkeit zur Vermittlung. Infrastruktur kann integrieren oder neue Abhängigkeiten schaffen. Keine Karte nimmt politische Entscheidungen ab.

Die vielen Sprachen der Küstenstädte

Gerade die Mehrsprachigkeit des südöstlichen Europas zeigt, wie wenig die nationalistische Verengung seiner Geschichte gerecht wird. In den Hafenstädten wechselte die Sprache mit dem Amt, dem Markt, der Familie, der Kirche oder dem Handelspartner. Italienisch, Deutsch, Slowenisch, Kroatisch, Serbisch, Albanisch, Griechisch, Türkisch, Ladino und zahlreiche lokale Varianten bildeten keine harmonische Idylle. Sprachen markierten Rang, Zugang, Herrschaft und Ausschluss. Sie ermöglichten zugleich Vermittlung. Der moderne Nationalstaat verlangte meist eine eindeutige sprachliche Zuordnung; der Hafen brauchte Verständigung über Grenzen hinweg.

Darin liegt eine überraschende Verbindung zur digitalen Gegenwart. Künstliche Intelligenz verspricht eine nahezu reibungslose Übersetzung zwischen Sprachen. Sie kann die Kosten der Verständigung drastisch senken und kleineren Sprachräumen einen neuen Zugang zu Wissen eröffnen. Doch sie beseitigt nicht die Machtfragen, die in jeder Übersetzung stecken: Wer trainiert die Modelle, wessen Begriffe werden zur Norm, welche historischen Bedeutungen gehen verloren, welche Sprachen bleiben technisch unterversorgt? Europas sprachliche Vielfalt könnte zu einer Schule digitaler Souveränität werden, sofern sie nicht lediglich als kulturelles Erbe verwaltet wird.

Die neuen Festungen stehen am Stadtrand

Auch die Architektur der Macht hat sich verändert. Früher erhoben sich Festungen über Hafeneinfahrten, Arsenalbauten neben Werften, Paläste über zentralen Plätzen. Heute liegen die entscheidenden Bauwerke häufig außerhalb des historischen Stadtbildes: Containerterminals, Umspannwerke, Gasspeicher, Logistikzentren, Rechenzentren, Mobilfunkknoten und Landestationen für Unterseekabel. Ihr ästhetischer Rang ist gering, ihr politisches Gewicht erheblich. Ein Rechenzentrum verrät, wo Unternehmen künftige Nachfrage erwarten; ein Tiefwasserterminal zeigt, welche Schiffsgrößen und Handelsrouten geplant werden; eine neue Stromtrasse markiert den Versuch, Erzeugung und Verbrauch über Grenzen hinweg neu zu ordnen. Diese Bauten sind keine stummen Kulissen der Politik. In ihnen ist politische Erwartung zu Beton, Stahl, Software und Vertragslaufzeit geronnen.

Darin liegt auch die eigentümliche Macht der Häfen. Flughäfen verbinden Punkte, Häfen verbinden Räume. Hinter jedem Kai beginnt ein Hinterland aus Straßen, Schienen, Lagern, Zollsystemen und industriellen Abnehmern. Der Erfolg eines Hafens hängt weniger von seiner Küstenlage allein ab als von der Tiefe seiner Verbindungen ins Landesinnere. Triest konkurriert daher nicht nur mit Koper oder Rijeka. Jeder dieser Häfen konkurriert um den Zugang zu Wien, München, Budapest, Prag und darüber hinaus. Aus der Perspektive eines Containers erscheint die politische Landkarte Europas anders als aus der Perspektive eines Ministeriums. Grenzen sind Verzögerungen, Gebirge sind Kosten, unterschiedliche Signalsysteme und Spurweiten sind Hindernisse, ein leistungsfähiger Korridor ist ein Versprechen. Der Container besitzt keine politische Meinung. Seine Bewegung erzeugt dennoch politische Folgen.

Offenheit braucht eine materielle Ordnung

Europa entdeckt damit eine ältere Gestalt seiner selbst. Der Kontinent war nie allein eine Ansammlung territorial geschlossener Nationalstaaten. Er war ebenso ein Geflecht von Städten, Flussräumen, Seewegen, Handelsplätzen, Universitäten, Klöstern und Rechtsbezirken. Die europäische Einigung des 20. Jahrhunderts konnte an dieses Erbe anknüpfen, weil sie Verbindungen institutionalisierte, die älter waren als ihre Verträge. Nun steht sie vor einer zweiten Aufgabe. Sie muss diese Verbindungen gegen Erpressung, Krieg, technische Störung und politische Fragmentierung sichern, ohne sie in Festungsmauern zu verwandeln. Sicherheit und Offenheit geraten dabei in eine Spannung, die sich nicht durch eine Formel auflösen lässt. Ein vollständig offenes Netz ist verwundbar. Ein vollständig kontrolliertes Netz verliert seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sinn.

Die alte Region zwischen Adria, Donau und Ägäis könnte für diese Aufgabe wichtiger werden, als es die politischen Routinen der vergangenen Jahrzehnte erkennen ließen. Dort treffen die Erweiterung der Europäischen Union, die Neuordnung der Energieversorgung, militärische Mobilität, chinesische Infrastrukturpolitik, türkischer Einfluss, russische Störversuche und die wirtschaftlichen Interessen Mitteleuropas auf engem Raum zusammen. Keine dieser Kräfte allein wird die Zukunft der Region bestimmen. Ihre Überlagerung macht sie zum Sensor einer veränderten Weltordnung. Am südöstlichen Rand Europas zeigt sich früher als in vielen Hauptstädten, ob die Union ihre Werte in Verkehrswege, Investitionen, Rechtssicherheit und glaubwürdige Mitgliedschaftsperspektiven übersetzen kann. Politische Zugehörigkeit, die materiell folgenlos bleibt, verliert ihre Überzeugungskraft.

Die Geographie war niemals verschwunden

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Geographie zurückgekehrt sei. Sie war nie fort. Verschwunden war lediglich die Bereitschaft, sie als politische Wirklichkeit ernst zu nehmen. Karten schreiben keine Geschichte, doch sie bewahren die Bedingungen, unter denen Geschichte möglich wird. Die Adria bleibt ein schmales Meer zwischen unterschiedlichen politischen Räumen; die Donau bleibt eine Verbindung tief in den Kontinent; die Gebirgsketten des südöstlichen Europas erschweren Bewegung und lenken sie auf bestimmte Korridore; die Häfen öffnen das Binnenland zu einer Welt, deren Machtzentren sich erneut verschieben. Europa kann aus diesen Bedingungen Kooperation, Abhängigkeit oder Konflikt hervorbringen. Keine Landschaft nimmt ihm diese Entscheidung ab.

Vielleicht lässt sich der Kontinent deshalb am besten dort verstehen, wo seine politischen Bezeichnungen unsicher werden: an der Küste, die zugleich mediterran und mitteleuropäisch ist; in Städten, deren Fassaden mehrere Herrschaften überlebt haben; an Bahnlinien, die ältere Handelswege in Stahl übersetzen; auf Inseln, die Ferienorte und Energieanlagen zugleich beherbergen. Dort verliert die nationale Erzählung ihre scheinbare Geschlossenheit. Unter ihr kommt ein Europa zum Vorschein, das aus Überlagerungen besteht und gerade daraus seine Dauer gewinnt. Seine Zukunft wird nicht allein in den Sitzungssälen von Brüssel beschlossen. Sie entsteht ebenso an Kais, Grenzbahnhöfen, Kabelstationen, Gasspeichern und Gebirgspässen. Der Kontinent liegt bereits unter der Landkarte, die seine Politiker erst wieder zu lesen beginnen.

Klingbeils riskanter Umbau der Haushaltsabteilung @larsklingbeil @Bundeskanzler @MartinGreive

Torge Christiansen kennt den Bundestag und die Haushaltspolitik. Jetzt übernimmt er eine der sensibelsten Abteilungen des Bundes. Für Lars Klingbeil wird die Personalentscheidung zum Test seiner Amtsführung: Kann der neue Chef 27 Referate so führen, dass fachlicher Widerspruch den Minister weiterhin erreicht?

Die Personalie war vor der Empörungswelle amtlich

Am 3. August stand Torge Christiansen bereits im Organigramm des Bundesfinanzministeriums. Dort führt ihn das Haus als Ministerialrat und als mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragten Leiter der Abteilung II „Bundeshaushalt“. Die öffentliche Erregung folgte später. Dieser zeitliche Befund schwächt die Erzählung einer spontanen Strafaktion gegen Corinna Westermann. Er verschärft eine andere Frage: Was wollte Lars Klingbeil mit diesem Wechsel organisatorisch erreichen?

Die WirtschaftsWoche berichtet über Spannungen zwischen Westermann und der politischen Leitung sowie über Kritik an der Finanzplanung. Das Ministerium stellt den Wechsel als länger vorbereitet dar. Unions-Chefhaushälter Christian Haase bestätigt zumindest den längeren Vorlauf und lässt die Ursache offen. Martin Greive zeichnet in seiner Recherche ein gemischtes Bild aus Kritik und Verständnis im Haus. Christiansens Fachkenntnis in Haushaltsfragen werde kaum bestritten. Skepsis richte sich auf seine lange Abwesenheit vom BMF, die Größe des Führungssprungs und seine begrenzte Erfahrung mit Personalverantwortung dieser Dimension.

Christiansen arbeitete nach Greives Recherche ungefähr zehn Jahre für die SPD-Bundestagsfraktion in der Haushaltspolitik. Das macht den Vorwurf einer fachfremden Parteiversorgung zu grob. Zugleich beantwortet lange Haushaltserfahrung im Parlament noch keine Frage der Verwaltungsführung.

Damit rückt die Personalie weg von der üblichen Berliner Filzdebatte. Parteiverbindungen gehören zur Analyse. Sie erklären wenig über das operative Risiko. Entscheidend wird Christiansens Fähigkeit, eine hoch spezialisierte Verwaltung zu führen, deren Wert gerade in ihrer Fähigkeit liegt, politischen Wünschen Grenzen zu setzen.

Hinter einer Personalie stehen 27 Referate

Abteilung II ist eine kleine Regierung der Zahlen. Fünf Unterabteilungen und 27 Referate bearbeiten die Aufstellung des Haushalts, die Finanzplanung, Haushaltsrecht, Bundesschuld, Personalhaushalt, Klima- und Transformationsfonds, das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität, Verteidigung, Arbeit und Soziales, Gesundheit, Forschungsfinanzierung, Rechnungslegung, Zahlungsverkehr, Liquiditätsplanung und die IT des Haushaltsverfahrens. Die Leitung der Unterabteilung II E ist im Organigramm vom 3. August sogar vakant.

Wer an der Spitze dieser Abteilung sitzt, kann ihre Arbeit unmöglich durch eigene Detailkenntnis ersetzen. Er führt Fachleute, die in ihren Gebieten tiefer stecken als ihr Chef. Er muss erkennen, welche Information nach oben gehört, welcher Konflikt auf Referatsebene bleiben kann, welche Rechnung eine Gegenrechnung braucht und bei welchem Warnsignal der Minister sofort einbezogen werden muss.

Die Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien beschreibt dieses Führungsmodell präzise. Vorgesetzte tragen Verantwortung für Aufgabenverteilung und Arbeitsabläufe. Sie sollen Mitarbeiter an Entscheidungen beteiligen, Verantwortung fördern, Dienstbesprechungen für Informations- und Erfahrungsaustausch nutzen. Die Fachleute wiederum sollen eigenständig arbeiten und Verantwortung für ihre Aufgaben tragen. Führung entsteht durch Delegation, Auswahl und Eskalation. An dieser Stelle beginnt Christiansens Risiko.

Haushaltspolitik und Verwaltungsführung sind zwei Berufe

Christiansen kennt die parlamentarische Seite des Haushalts. Zehn Jahre Arbeit für die SPD-Bundestagsfraktion schaffen Erfahrung mit Haushaltsausschuss, Berichterstattergesprächen, Änderungsanträgen und Koalitionsarithmetik. Für die kommenden Beratungen kann dieses Wissen wertvoll werden. Die Leitung der Haushaltsabteilung verlangt eine andere Art von Können. Der Bundestag prüft, verändert und beschließt den Etat. Das BMF muss zuvor das Gesamtwerk herstellen. Ressorts melden Wünsche an. Fachreferate rechnen. Juristen prüfen. Unterabteilungen verdichten. Die politische Leitung setzt Prioritäten. Am Ende muss jede Zahl zu den anderen Zahlen, zu den gesetzlichen Bindungen, zur Schuldenregel und zur mittelfristigen Finanzplanung passen.

Thomas de Maizière und Karl-Ludwig Kley haben Führung in Politik und Wirtschaft als eigene Disziplin behandelt. Auf ichsagmal.com wurde dieser Gedanke mehrfach auf die Leitung von Ministerien angewandt: Strategie, Organisation und Umsetzung gehören zum Kern der Führungsarbeit. In einem Text über das Wirtschaftsministerium steht die knappe Formel: „Wer führt, muß ordnen. Wer ordnet, muß gewichten. Wer gewichtet, muß wissen, was er will.“

Für Christiansen lässt sich der Gedanke fortschreiben: Wer 27 Referate führt, muss wissen, was er selbst entscheiden soll und was seine Fachleute besser entscheiden. Karlheinz Schwuchow beschreibt ein verwandtes Problem aus der Managementforschung. Gute Führung großer Expertenorganisationen hängt an Delegation, Vertrauen und eigenständigem Handeln der Mitarbeiter. Der Chef als dauernder Letztentscheider erzeugt Abhängigkeit. Ein Führungsteam verteilt Verantwortung und macht Wissen nutzbar.

Der gefährlichste Schaden wäre leiser Widerspruch und zynische Kommunikation

Die zentrale Frage dieser Personalrochade betrifft deshalb das Verhalten der Beamten nach dem Wechsel. Westermann soll nach Medienberichten die Finanzplanung kritisch gesehen haben. Ein belegter Kausalzusammenhang zwischen solcher Kritik und ihrer Ablösung liegt öffentlich derzeit nicht vor. Für die Organisation zählt dennoch, welche Erklärung sich intern durchsetzt. Mitarbeiter beobachten Personalentscheidungen und lernen daraus, welches Verhalten Karriere fördert, welches Verhalten Konflikte erzeugt und welche Warnungen oben erwünscht sind.

Sollte in Abteilung II der Eindruck entstehen, fachlicher Widerstand habe Westermanns Position geschwächt, verändert sich Kommunikation. Warnungen werden weicher formuliert. Unsicherheiten wandern in Fußnoten. Ein Referat wartet länger, bevor es eskaliert. Eine Unterabteilung präsentiert zuerst die politisch verträglichere Variante.

Das ist eine mögliche Folgewirkung, keine belegte Entwicklung im BMF. Gerade deshalb verdient sie Aufmerksamkeit. Ministerien verlieren Qualität oft schleichend. Viele Beamte entscheiden einzeln, dass Vorsicht gegenüber der Leitung klüger ist als Klartext. Daraus entsteht ein System, in dem oben immer bessere Nachrichten ankommen, während sich unten die Probleme sammeln. Hinter der offiziösen Kommunikation entstehen zynischen Gespräche im Flurfunk.

Eine Haushaltsabteilung braucht die Lizenz zur schlechten Nachricht. Sie muss dem Finanzminister früh sagen, welche Zusage zu teuer wird, welche Einnahmeannahme wackelt, welcher Nebenhaushalt rechtlich angreifbar ist und welche politische Konstruktion im Parlament zerlegt werden könnte. Das Bundesverfassungsgericht hat 2023 mit seinem Urteil zum Zweiten Nachtragshaushaltsgesetz die enorme Fallhöhe kreativer Finanzkonstruktionen gezeigt. Das Gericht erklärte die damalige Konstruktion für nichtig und zog enge Grenzen für den Umgang mit Kreditermächtigungen. Der Fall belegt keinen aktuellen Fehler im BMF. Er erinnert an die Folgen, sobald politische Finanzplanung, Haushaltsrecht und Verfassungsrecht auseinanderlaufen.

Klingbeil braucht Beamte, die ihm unangenehme Rechnungen bringen

Für einen Finanzminister ist Loyalität an der Spitze unverzichtbar. Das Bundesbeamtenrecht trägt diesem politischen Bedürfnis Rechnung. Ministerialdirektoren gehören zu den politischen Beamten; sie können in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden. Die Bundesbesoldungsordnung ordnet den Ministerialdirektor als Abteilungsleiter einer obersten Bundesbehörde grundsätzlich der Besoldungsgruppe B9 zu, soweit die Funktion keiner anderen Zuordnung unterliegt.

Politisches Vertrauen gehört also in die Konstruktion des Amtes. Die Qualität der Führung zeigt sich daran, wie der Abteilungsleiter dieses Vertrauen nutzt. Christiansen muss Klingbeils politische Ziele verstehen und zugleich die fachliche Eigenständigkeit seiner Abteilung schützen. Beide Aufgaben gehören zusammen.

Seine SPD-Vergangenheit macht diese Balance politisch empfindlich. Im Bundestag kennt er die Fraktion, ihre Haushälter und ihre Verhandlungskultur. Das kann den Übergang vom Regierungsentwurf in das parlamentarische Verfahren erleichtern. Im BMF kann seine Biografie Misstrauen erzeugen, falls Beamte den neuen Chef zuerst als Verbindungsmann zur Parteipolitik wahrnehmen. Bei Unionshaushältern entsteht ein weiterer Prüfpunkt: Sie werden genau beobachten, ob die Abteilung Zahlen liefert, denen auch der Koalitionspartner vertraut.

Christiansens erste Aufgabe besteht daher im Aufbau institutioneller Autorität. Die bekommt er weder durch Parteikontakte noch durch die Amtsbezeichnung. Sie entsteht, wenn die fünf Unterabteilungen erleben, dass fachliche Warnungen sauber nach oben gelangen, Entscheidungen nachvollziehbar fallen und Verantwortung auf der richtigen Ebene bleibt.

Zwei Führungsfehler können die Abteilung lähmen

Ein neuer Chef einer Expertenorganisation steht schnell vor einem klassischen Dilemma. Unsicherheit kann zu übermäßiger Kontrolle führen. Dann wandern immer mehr Vorlagen auf den Schreibtisch des Abteilungsleiters. Unterabteilungsleiter sichern sich ab. Referate warten. Entscheidungen brauchen zusätzliche Schleifen. Das Tempo sinkt.

Das Gegenrisiko entsteht durch zu große Abhängigkeit von der zweiten Führungsebene. Wer die institutionelle Geschichte einer Abteilung noch lernt, muss sich auf erfahrene Unterabteilungsleiter verlassen. Diese wählen aus, welche Konflikte sie eskalieren, welche Varianten sie vorlegen und welche Vorgeschichte sie erzählen. Der Chef entscheidet dann auf Basis eines Informationsstroms, dessen Filter er erst kennenlernen muss.

Erfolgreiche Amtsführung liegt zwischen diesen beiden Fehlern. Christiansen braucht klare Eskalationsregeln, belastbare Gegenrechnungen und eine Kultur, in der ein Referat begründeten Widerspruch bis nach oben tragen kann. Zugleich muss er seinen Unterabteilungsleitern Raum geben, damit 27 Referate handlungsfähig bleiben. Das verlangt Erfahrung mit Menschen, Konflikten und Hierarchien. Fachwissen hilft. Führungserfahrung entscheidet darüber, ob dieses Fachwissen in einer großen Organisation Wirkung entfaltet.

Die Lernkurve beginnt im teuersten Haushaltsjahrzehnt

Der Zeitpunkt erhöht den Druck. Die Bundesregierung erklärt die bisherige 34-Milliarden-Lücke für 2027 als geschlossen. Für 2028 weist die Finanzplanung weiterhin rund 22 Milliarden Euro Handlungsbedarf aus. Für Verteidigung sind 2027 im Einzelplan 109,7 Milliarden Euro vorgesehen, ergänzt um Mittel aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität erweitert die finanzpolitische Architektur zusätzlich.

Der Bundesrechnungshof warnt zugleich vor der Verschuldungsdynamik und fordert eine strukturelle Konsolidierung des Bundeshaushalts. Er verweist auf die wachsende Belastung durch Zinsen und auf die langfristige Tragfähigkeit der Finanzplanung. Christiansen übernimmt seine Abteilung damit in einer Phase, in der Haushaltsführung, Verteidigungsfinanzierung, Sondervermögen, Sozialausgaben und Konsolidierung gleichzeitig Druck erzeugen. Die parlamentarische Sommerpause endet Anfang September; die nächste Sitzungswoche beginnt am 7. September. Sein Zeitpuffer wird in Wochen gemessen. Das macht die Personalentscheidung für Klingbeil so riskant. Ein Minister darf Spitzenbeamte austauschen. Er trägt danach die Verantwortung für die Leistungsfähigkeit der neuen Konstellation.

Aus dem Personalwechsel wird ein Test auf Klingbeils Führung

Die Berliner Debatte wird sich zunächst an Christiansens Parteibiografie, Westermanns Abgang und der Frage nach einem möglichen Zerwürfnis festbeißen. Diese Fragen gehören zur politischen Kontrolle. Die größere Geschichte spielt sich in der Arbeitsweise der Abteilung ab. Bleiben kritische Vermerke klar formuliert? Erreichen schlechte Nachrichten weiterhin die Leitung? Können Unterabteilungsleiter selbständig führen? Verlangsamen sich Entscheidungen? Folgen weitere Personalwechsel? Vertraut der Haushaltsausschuss den Zahlen? An solchen Signalen wird sich die Qualität der Rochade erkennen lassen.

Klingbeil hat mit Christiansen einen Mann gewählt, der die parlamentarische Haushaltspolitik aus jahrelanger Praxis kennt. Nun muss Christiansen eine Organisation führen, deren Expertenwissen über viele Ebenen verteilt ist. Der Wechsel kann gelingen, falls er dieses Wissen bündelt, Verantwortung verteilt und Widerspruch schützt.

Scheitert diese Führungsarchitektur, wird der Schaden spät sichtbar. Erst kommen weichere Warnungen. Dann bessere Nachrichten für die politische Spitze. Später folgen Korrekturen, Nachverhandlungen und Konflikte mit dem Parlament. Im ungünstigsten Fall taucht ein Problem erst dort auf, wo ein Finanzminister es am wenigsten gebrauchen kann: in einem Rechnungshofbericht, einem Haushaltsausschuss oder vor Gericht.

Lars Klingbeil braucht an der Spitze seiner Haushaltsabteilung deshalb einen loyalen politischen Beamten mit einer seltenen Fähigkeit: Er muss dem Minister auch jene Rechnung vorlegen, die dessen politische Planung erschwert. Daran entscheidet sich der Wert dieser Personalie.

Die Könige vom Titisee

Am letzten Urlaubstag begegnet uns am Titisee noch eine königliche Familie. Zumindest glauben wir das für einen Augenblick. Am Wegesrand steht ein Kreuz. Darunter eine schwarze Tafel mit goldener Schrift: „Gedenkstein der Familie König“. Titisee, Bruderhalde, Hinterzarten. Namen, Geburtsdaten, Todesorte. Alois König. Otto König. Emilie König. Wieder Alois König. Wer hier auf einer sommerlichen Runde um den See vorbeikommt und nur flüchtig liest, könnte sich für einen Moment eine badische Nebenlinie ausmalen, einen vergessenen Hofstaat vielleicht, irgendeine jener Familiengeschichten, die im Südwesten zwischen Großherzögen, Fürstenhäusern und alten Besitzungen jederzeit möglich erscheinen.

Sechster Tag, Freitag, 14. August 2026

Doch die Könige von der Bruderhalde waren keine Könige. Sie waren Bauern. Der Gedenkstein gehört zur Geschichte des Bankenhofs; als „Gedenkstein der Familie König, Bankenhof“ ist er bis heute verzeichnet. Der Bankenhof liegt an der Bruderhalde in Hinterzarten, wenige Schritte vom Titisee entfernt.

Auf der Tafel steht bei Alois König ausdrücklich „Bankenbauer“, bei Emilie König „Bankenbäuerin“. Aus dem scheinbaren Adel wird innerhalb weniger Zeilen eine Schwarzwaldfamilie. Und plötzlich erzählt dieser Stein mehr über die Gegend als manches Heimatmuseum.

Ein Familiengedächtnis aus Stein

Die Daten auf dem Gedenkstein führen mitten in das zwanzigste Jahrhundert. Alois König, geboren 1917 in Hinterzarten, fiel 1944 bei Leningrad. Otto König, geboren 1915, starb wenige Monate später 1944 auch in Russland. Emilie König, geborene Steiert, die Bankenbäuerin, lebte von 1880 bis 1947. Alois König, der Bankenbauer, wurde 1876 in Breitnau geboren und starb 1964 in Hinterzarten.

Ganz unten steht ein Satz, der den Stein aus seiner Umgebung heraushebt: „Trennung ist unser Los. Wiedersehn unsere Hoffnung.“ Zwei Söhne, deren Sterbeorte weit östlich des Schwarzwalds liegen. Die Eltern daheim zwischen Hinterzarten, Breitnau und Titisee. Der Krieg steckt hier nicht in einem großen Denkmal auf einem Marktplatz. Er steht am Straßenrand, neben Wald, Wiesen und Ferienverkehr. Keine Dynastie also. Und doch eine kleine Chronik von Herkunft, Besitz, Verlust und Erinnerung.

Zehntausend Schritte zum Nichtstun

Unsere eigene Tagesbilanz fällt erheblich friedlicher aus. Nach dem Frühstück brechen wir zur Runde um den Titisee auf. Knapp zwei Stunden sind wir unterwegs, am Ende stehen mehr als 10.000 Schritte auf dem Zähler. Für einen ausdrücklich zum Ausruhen bestimmten Urlaubstag ist das eine durchaus respektable Leistung.

Der Weg führt meist dicht am Wasser entlang. Einmal verschwindet der See hinter Buchen und Fichten, wenige Meter später öffnet sich zwischen den Ästen wieder eine blaue Fläche. Sonnenlicht fällt auf den Waldweg. Vom gegenüberliegenden Ufer schiebt sich der Hochfirst ins Bild. Oben sind Turm und Antenne zu erkennen, unten liegt der See fast regungslos zwischen den bewaldeten Hängen.

Nach den Wanderungen der vergangenen Tage fühlt sich diese Runde beinahe luxuriös an. Kein Gipfel muss erreicht werden, kein steiler Bannwaldpfad verlangt Konzentration, keine Höhenmeterbilanz entscheidet über die Güte des Tages. Man läuft. Man schaut. Man bleibt stehen. Das genügt.

Der See gehört wieder den Tretbooten

Später übernehmen die Tretboote. Eines davon gleitet langsam über das Wasser, blau und weiß, ausgestattet mit jener kleinen Rutsche, die an deutschen Ferienseen seit Jahrzehnten zur Grundausstattung kindlicher Sommerphantasien gehört. Zwei Menschen sitzen darin, ohne erkennbare Eile. Das Boot spiegelt sich im Wasser. Blätter rahmen die Szene ein.

Der Titisee kann in seinen touristischen Zonen laut werden. Rund um die Seestraße gehören Souvenirläden, Ausflugsgastronomie, Schwarzwälder Kirschtorte und die obligatorischen Kuckucksuhren zum Geschäftsmodell. Ein paar hundert Meter weiter verändert sich das Bild. Wald tritt bis ans Ufer, Spaziergänger verteilen sich, und der See gewinnt jene Ruhe zurück, wegen der man überhaupt hierhergefahren ist. Am letzten Tag braucht man kein Programm mehr. Wir werden den Nachmittag am Wasser verbringen. Sitzen, schauen, vielleicht noch etwas trinken. Die Reisetaschen können bis zum Abend warten.

Abschied ohne Dramaturgie

Morgen früh geht es zurück nach Bonn. Eine Woche Schwarzwald liegt dann hinter uns: Hochfirst, Freiburg, Schluchsee, Saig, Colmar, Feldberg, Bannwald, Feldsee und am Ende noch einmal der Titisee, diesmal ohne sportlichen Ehrgeiz.

Vielleicht passt gerade deshalb der Gedenkstein der Familie König zu diesem letzten Tag. Reisen besteht schließlich auch aus solchen Zufallsfunden. Man sucht keinen historischen Gegenstand. Man läuft an ihm vorbei, bleibt stehen, liest einen Namen und beginnt sich eine Geschichte auszumalen. Aus vermeintlichen badischen Königen werden die Königs vom Bankenhof.

Und aus einer kleinen Runde um den See wird für ein paar Minuten eine Reise in eine Familiengeschichte, die von Hinterzarten bis nach Leningrad reicht. Danach geht man weiter. Der Wald wirft seine Schatten auf den Weg. Der Titisee liegt zwischen den Bäumen. Ein Tretboot zieht langsam über das Wasser. Mehr muss dieser letzte Urlaubstag nicht leisten.

Odysseus in Peking: Christopher Nolan, Zhong Shu und die chinesische Kunst, den Westen beim Untergang zu beobachten

Am 14. August 2026 kommt Christopher Nolans „The Odyssey“ in die chinesischen Kinos. Matt Damon spielt Odysseus, den Listenreichen, den Heimkehrer, den Mann der Umwege. Für Hollywood ist das ein globales Ereignis. Für China bietet der Film eine Deutungsfläche, auf der eine viel ältere Erzählung erneut ausprobiert werden kann: der Westen als Zivilisation der späten Stunde, erschöpft von seiner eigenen Geschichte, fasziniert von Weltende, Schuld, Sühne und Heimkehr.

Mark Siemons hat in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ den entscheidenden Hinweis gegeben. Die chinesische Rezeption der „Odyssee“ beginnt keineswegs erst im Kinosaal. Sie begann schon bei der Promotion-Tour des Filmteams in Peking, als Christopher Nolan von der jungen chinesischen Podcasterin Zhong Shu befragt wurde. Die Frage klang höflich, gebildet, fast klassisch. Sie zielte aber auf das Zentrum westlicher Selbstgewissheit. Berücksichtige Nolan bei der Produktion seiner Filme die kulturelle Differenz seines Publikums? Ein Dichter schreibe aus seiner Sprache, aus seiner Polis heraus. Ein Filmemacher müsse Menschen außerhalb dieser Polis erreichen.

Nolan antwortete mit einer großen Hollywood-These. Das Kino aus Los Angeles habe in den vergangenen hundert Jahren eine Lingua franca entwickelt, eine Bildsprache, die auf der ganzen Welt verstanden werde. Diese Antwort gehört zu Hollywoods Weltbild. Die Kamera spricht überall. Der Schnitt erklärt sich selbst. Großaufnahme, Suspense, Körper, Feuer, Meer, Heimkehr, Verlust, Entscheidung: Das seien Zeichen, die über Sprachen hinweg funktionieren.

Das Gespräch mit Zhong Shu zeigt eine andere Wirklichkeit. Gerade weil Nolan so universal denkt, wird sichtbar, wie partikular seine Universalität ist. Die chinesische Interviewerin versteht den Film sehr gut. Sie versteht ihn aber aus einer Entfernung heraus, die ihm eine andere Lesart gibt. Sie fragt nach der Dämmerung einer Kultur. Sie fragt nach Sühne, nach Christianisierung, nach dem Verhältnis von Homer, moderner Sensibilität und westlicher Krisenwahrnehmung. Sie beweist damit, dass die Hollywood-Sprache zwar global zirkuliert, aber überall neu übersetzt, verschoben und politisch aufgeladen wird.

Die Frage nach dem Barden der Dämmerung

Zhong Shu beginnt mit einem Vergleich, der in Peking kaum zufällig wirkt. Homer schreibe aus dem Bewusstsein einer Kultur im Aufwind. Nolan erzähle düsterer. Also fragt sie, ob Nolan der Barde einer Kultur in der Dämmerung sei. Das ist eine ästhetische Frage, eine ideengeschichtliche Frage und zugleich eine geopolitische Versuchsanordnung.

In China ist die Formel vom Niedergang des Westens längst ein Bestandteil der politischen Atmosphäre. Xi Jinping hat die These vom aufsteigenden Osten und sinkenden Westen wiederholt in den Deutungsraum der chinesischen Politik gestellt. Wu Guoguang erklärte bei der phil.COLOGNE-Veranstaltung „Großmacht China – Wu Guoguang über Xi Jinpings Weltpolitik“ am 13. Juni 2026 in Köln, wie diese Formel in Xi Jinpings Weltsicht funktioniert. Der Aufstieg des Ostens speise sich für Xi aus industrieller Macht, aus dem chinesischen Modell aus Parteikontrolle und Marktkräften, aus gesellschaftlichen Krisendiagnosen über den Westen und aus einer kulturellen Erzählung, die chinesische Traditionen wieder in den Dienst der Kommunistischen Partei Chinas stellt.

Vor diesem Hintergrund ist Zhong Shus Frage mehr als kluge Filmkritik. Sie legt eine chinesische Lesefolie über Nolan. Der Film wird zum Belegstück in einer größeren Erzählung. Der Westen produziert seine eigenen Untergangsbilder. „Oppenheimer“ handelte vom atomaren Ende der Welt. Die „Odyssee“ erzählt von zerstörter Ordnung, Schuld, Heimkehr, Gewalt und einer spät erreichten Rückkehr nach Ithaka. Von China aus lässt sich daraus eine Kulturdiagnose formen: Der Westen blickt nicht mehr nach vorn, er sucht den Weg zurück.

Nolan nimmt die Frage ernst. Er verweist auf Homer selbst, der über eine heroische Vergangenheit schrieb, die bereits vergangen war. Der antike Dichter stand nicht am Anfang, er schrieb über verlorene Größe. Damit öffnet Nolan das Problem weiter. Jede Zivilisation, die erzählt, erzählt schon aus Abstand. Jeder Mythos ist Erinnerung an eine Ordnung, die sich dem unmittelbaren Zugriff entzieht. Doch genau darin liegt für die chinesische Rezeption eine Chance: Aus westlicher Selbstbefragung kann chinesische Fremddiagnose werden.

Hollywoods Universalismus und seine Grenzen

Nolans Lingua-franca-These wirkt auf den ersten Blick großzügig. Sie sagt: Kino überbrückt Unterschiede. Auf den zweiten Blick enthält sie eine Machtannahme. Hollywood setzt voraus, dass seine Zeichen global lesbar sind, weil sie sich historisch durchgesetzt haben. Der Universalismus des Films ruht auf der Geschichte amerikanischer Studios, Vertriebswege, Stars, Genres, Technik und Märkte. Diese Universalität ist keine reine Form. Sie ist eine Institution.

Zhong Shu führt Nolan genau an diese Grenze. Ihre Fragen zeigen, dass globale Verständlichkeit keine globale Gleichbedeutung erzeugt. Die Figur Odysseus mag überall erkannt werden. Der Sinn seiner Heimkehr ändert sich je nach kulturellem Raster. In der griechischen Überlieferung steht das Prinzip der Xenia, der verpflichtenden Gastfreundschaft, im Zentrum sozialer Ordnung. In Nolans Film gewinnt, nach Zhong Shus Frage, das Konzept der Sühne Gewicht. Sie fragt, ob Nolan die „Odyssee“ christianisiert habe.

Das ist eine präzise Beobachtung. Sühne, Schuld, innere Läuterung, moralische Selbstprüfung: Diese Motive gehören zu einer späteren, christlich geprägten und modernen Sensibilität. Nolan weicht der Frage nicht aus. Er erklärt, dass er kein bewusstes Christianisierungsprogramm verfolgt habe. Er habe aus der Sensibilität heutiger Zuschauer heraus gearbeitet. Damit gesteht er indirekt ein, dass jede Verfilmung der Antike durch die Gegenwart hindurchgeht.

China erkennt solche Verschiebungen mit besonderer Aufmerksamkeit. Die Frage nach Sühne ist auch eine Frage nach dem westlichen Seelenhaushalt. Welche Kultur liest Gewalt als Schuld? Welche Kultur liest Heimkehr als moralische Prüfung? Welche Kultur macht aus dem Listenreichen einen verletzten modernen Helden? Zhong Shu fragt höflich. Doch die Frage öffnet einen Vergleich der Zivilisationen.

Die chinesische Beobachterin als Figur der Rückübersetzung

Zhong Shu ist kein Zufallsprodukt der Social-Media-Ökonomie. Hinter dem Pseudonym steht Yiyang Zhuge, eine Doktorandin in Boston, die ideengeschichtlich arbeitet, Plutarch aus dem Griechischen und Hannah Arendt aus dem Deutschen ins Chinesische übersetzt. Ihr Podcast „Ein Baum macht noch keinen Wald“ verbindet Theorie und Alltag, Tee, Rationalität, antike Texte, politische Philosophie und moderne Erfahrung.

Diese Biografie ist wichtig. Zhong Shu fragt nicht aus antiwestlichem Ressentiment. Sie fragt aus einer gebildeten Distanz. Sie liest den Westen von außen, ohne ihn abzuweisen. In einem Gespräch mit dem Jack Miller Center erklärte sie, Chinesen sähen sich nicht als Erben der westlichen Tradition. Gerade diese Distanz könne sie von bestimmten Vorurteilen befreien. Sie könnten den alten Griechen auf eine Weise begegnen, die heutigen Amerikanern schwerer falle, weil diese ihre eigene Tradition schon durch Erbschaft, Schulkanon und Kulturkämpfe überformt hätten.

Darin liegt eine Ironie. Hollywood bringt die „Odyssee“ nach China und trifft dort auf eine Gesprächspartnerin, die Homer, Plutarch und Arendt so liest, dass sie Hollywoods Selbstverständnis sichtbar macht. Der Westen exportiert einen Mythos. China schickt ihn als Analyse zurück. Odysseus erreicht Peking, und aus Peking kommt die Frage: Welche Kultur spricht hier eigentlich, wenn Hollywood vom Menschen spricht? Das ist die moderne Heimkehr des Mythos. Die „Odyssee“ kehrt nicht nach Ithaka zurück. Sie kehrt in eine Welt zurück, in der China den Westen mit dessen eigenen Klassikern befragt.

Xi Jinpings semantischer Horizont

Die chinesische Rezeption von Nolans Film wird kaum einheitlich verlaufen. Sie wird Begeisterung, Fan-Kultur, ästhetische Bewunderung und kommerzielle Erwartungen umfassen. Doch der politisch anschlussfähige Deutungsrahmen liegt bereit. Nolans düstere „Odyssee“ passt in die chinesische Formel vom westlichen Abstieg. Die Frage der Interviewerin nach dem Barden einer Kultur in der Dämmerung greift diese Möglichkeit in konzentrierter Form auf.

Wu Guoguang hat in Köln gezeigt, weshalb solche Formeln in China ernst zu nehmen sind. Die Kommunistische Partei Chinas arbeitet mit Begriffen als Machtinstrumenten. „Der Osten steigt, der Westen sinkt“ ist keine harmlose Beschreibung. Es ist ein Satz, der Chinas Bevölkerung Selbstgewissheit geben, westliche Gesellschaften verunsichern und die internationale Ordnung semantisch verschieben soll. Wer diesen Satz übernimmt, ohne seine Funktion zu prüfen, übernimmt ein Stück chinesischer Machtgrammatik.

Daniel Leese ordnete diese Entwicklung historisch ein. Die Volksrepublik der achtziger Jahre war von Reformhoffnungen, Leistungskriterien und institutionellen Experimenten geprägt. Wu Guoguang selbst gehörte zu jener Generation, die in jungen Jahren bis in die Nähe der Parteispitze aufstieg. Als Redenschreiber Zhao Ziyangs und Mitautor des Berichts für den 13. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas kannte er das System von innen. Nach 1989 wurde der politische Raum enger. Die Partei öffnete Märkte, nutzte Globalisierung, verdichtete aber ihre Kontrolle über Wirtschaft und Gesellschaft.

Diese Doppelbewegung erklärt auch die heutige Kulturpolitik. China braucht den Weltmarkt, internationale Technik, westliche Universitäten, kulturelle Übersetzung und globale Plattformen. Zugleich versucht der Parteistaat, jede Fremdwirkung in eine eigene Ordnung der Deutung zu überführen. Ein Hollywood-Film über Homer wird damit nicht bloß importiert. Er wird in einen chinesischen Bedeutungsraum gestellt.

Harro von Sengers Warnung vor begrifflicher Nachlässigkeit

An dieser Stelle wird Harro von Sengers Kritik an der deutschen China-Sprache wichtig. Von Senger hat darauf hingewiesen, dass westliche Beobachter allzu schnell von „chinesischer Modernisierung“, „Autoritarismus“ oder „Staatskapitalismus“ sprechen und dabei die Eigenbegriffe der Kommunistischen Partei Chinas glätten. Der Ausdruck 中国式现代化 bedeutet präziser „Modernisierung chinesischen Typs“ oder „Modernisierung chinesischen Stils“. Er meint einen von der Partei geführten Entwicklungsweg, der als eigene Zivilisationsform präsentiert wird.

Für die Nolan-Debatte ist das relevant, weil auch hier Übersetzung zur Machtfrage wird. Die chinesische Rezeption fragt nicht einfach: Ist der Film gut? Sie fragt: Was sagt dieser Film über die westliche Zivilisation? Welches Stadium zeigt er? Welche seelische Verfassung drückt sich in ihm aus? Welche Blindheit verrät Hollywood, indem es sich für universal hält?

Von Senger würde wohl ergänzen: Wer China verstehen will, muss die chinesischen Begriffe ernst nehmen. Man darf sie aber nicht als Wahrheit behandeln. Genau diese Doppelbewegung fehlt häufig. Entweder werden chinesische Formeln als Propaganda abgetan, dann übersieht man ihre Wirkung. Oder man übernimmt sie als Kulturdiagnose, dann wird man zum Echo des Parteistaats.

Wu Guoguang führt aus dieser Falle heraus. Er nimmt Xi Jinpings Sprache ernst und unterzieht sie der politischen Analyse. Die vier globalen Initiativen Xi Jinpings bewertet er keineswegs als Ausdruck vollendeter Langfristplanung. Die Globale Entwicklungsinitiative beschreibt er als eine Art neuen Merkantilismus: chinesische Wirtschaftskraft wird eingesetzt, um chinesischen Einfluss auszuweiten. Die übrigen Initiativen für Zivilisation, Sicherheit und Governance erscheinen bei Wu als politische Formelsprache. Das ist die entscheidende Methode: Parteibegriffe lesen, ihre Funktion erkennen, ihre Wirklichkeit prüfen.

Die „Odyssee“ als semantisches Manöver

Nolans Film wird in China wohl auf mehreren Ebenen rezipiert werden. Die erste Ebene ist die Kinomaschine. Großes Bild, berühmter Regisseur, Matt Damon, IMAX, Starauftritt, Homer als Weltstoff. Die zweite Ebene ist die intellektuelle Debatte. Zhong Shus Interview hat bereits gezeigt, dass der Film als philosophischer Gegenstand gelesen wird. Die dritte Ebene ist die geopolitische Semantik. Aus westlicher Mythenerneuerung wird Material für die chinesische These vom kulturellen Spätstadium des Westens.

Dabei liegt eine strategische Eleganz in der chinesischen Lesart. Sie muss Nolan gar nicht angreifen. Sie kann ihn ernst nehmen. Sie kann seine Düsternis bewundern, seine Bilder feiern, seine intellektuelle Ambition anerkennen. Gerade diese Anerkennung erlaubt dann die Verschiebung: Seht her, der Westen erzählt seine größte antike Heimkehr als Geschichte von Schuld, Verwundung und kultureller Erschöpfung. Der Film wird so zum Zeugen einer These, die China längst verbreitet.

Das ist kein plumper Propagandatrick. Es ist raffinierter. Der fremde Text wird in den eigenen Horizont gezogen. Die Anerkennung macht die Aneignung glaubwürdiger. Die Frage nach dem Barden der Dämmerung wirkt deshalb so wirksam, weil sie Nolan nicht denunziert. Sie bietet ihm eine Rolle an. Er darf der große Künstler sein, der unwissentlich die seelische Lage seiner Zivilisation ausspricht.

Europa muss solche Operationen erkennen. Nicht um jedes chinesische Interview zu verdächtigen. Nicht um Zhong Shu zur Agentin eines Apparats zu erklären. Das wäre grob. Die produktive Kraft ihrer Fragen ist echt. Doch im chinesischen Deutungsraum können echte Fragen zugleich politische Funktionen erhalten. Bildung und Strategie schließen einander nicht aus.

Odysseus, Sunzi und die Kunst der indirekten Lesart

Am Ende des Kölner Gesprächs empfahl Wu Guoguang dem europäischen Publikum drei Quellen. Zuerst Sunzis „The Art of War“. Er warnte vor Fehllektüren. Das Buch sei keine einfache Anleitung zur Kriegführung und kein persönlicher Ratgeber des antiken Autors. Sein Wert liege darin, eine mögliche chinesische Denkweise zu verstehen. Viele chinesische Politiker betrachteten die Welt als Feld von Gegnerschaft, Überwindung, Umgehung und strategischer Positionierung.

Diese Empfehlung passt überraschend gut zur chinesischen „Odyssee“-Debatte. Homer und Sunzi stehen für sehr unterschiedliche Traditionen. Homer erzählt Heimkehr, Ruhm, List, Verletzung und göttliche Ordnung. Sunzi analysiert Lage, Täuschung, Vorteil, indirekten Sieg und die Ökonomie des Konflikts. Doch beide treffen sich in der Figur der List. Odysseus ist der Listenreiche. Sunzi ist der Theoretiker des Siegs vor der Schlacht.

In Peking begegnen sich diese Traditionen nun im Medium Hollywood. Nolan bringt Odysseus. Zhong Shu bringt die Frage nach kulturellem Abendlicht. Die chinesische Öffentlichkeit bringt den Horizont vom Aufstieg des Ostens und Niedergang des Westens. Wer das nur als Kulturdebatte liest, verfehlt den strategischen Charakter. Wer es nur als Propaganda liest, verfehlt die philosophische Qualität. Der angemessene Blick muss beides halten: die Echtheit der intellektuellen Frage und ihre Anschlussfähigkeit an Machtsemantik.

Wu empfahl außerdem Franz Schurmanns „Ideology and Organization in Communist China“. Dieses Werk erklärt die Verbindung von Ideologie und Organisation im kommunistischen China. Für die Nolan-Frage heißt das: Ideologie ist nicht nur Inhalt. Sie ist Organisationsform. Sie strukturiert Institutionen, Medien, Sprachregelungen, Forschungsinteressen, kulturelle Erzählungen und internationale Resonanzen. Ein Filmimport kann daher Teil eines ideologischen Resonanzraums werden, auch ohne direkten Befehl.

Als dritte Adresse nannte Wu den „China Leadership Monitor“, ein frei zugängliches Online-Journal zur chinesischen Politik und Führung. Das klingt unspektakulär, ist aber praktisch. China-Lesefähigkeit entsteht durch dauerhafte Beobachtung. Wer nur Gipfelkommuniqués liest, erkennt die Bewegungen zu spät. Wer nur Empörung sammelt, versteht die Muster nicht. Wer die Debatten, Begriffe und Verschiebungen regelmäßig verfolgt, gewinnt ein anderes Sensorium.

Europa als dritte Karte gegen die Dämmerungsfalle

Bei der phil.COLOGNE sprach Wu Guoguang über Europas Lage zwischen Amerika und China. Seine Formulierung war klar: Sich für Amerika zu entscheiden, sei schwierig und gefährlich. Sich für China zu entscheiden, sei noch viel gefährlicher. Für Europa bleibe eine dritte Option. Diese Option sei keine neutrale Ruheposition. Sie müsse aus Europas eigener Geschichte, Zivilisation, Wirtschaftskraft und gesellschaftlicher Erfahrung entwickelt werden.

Hier berührt sich Wus politischer Rat mit der „Odyssee“-Rezeption. China versucht, Europa und Amerika in die Erzählung der westlichen Dämmerung hineinzuziehen. Europa darf diese Rolle nicht annehmen. Es sollte auch nicht trotzig das Gegenteil behaupten. Eine Zivilisation gewinnt keine Kraft durch Selbstlob. Sie gewinnt sie durch Institutionen, Forschung, Recht, industrielle Fähigkeit, strategische Urteilskraft und sprachliche Genauigkeit.

Wu wies zudem darauf hin, dass Europa sich keinen Illusionen über China und Russland hingeben sollte. Peking werde in einem Konflikt zwischen Europa und Russland nach seiner Einschätzung auf russischer Seite stehen. Auch das gehört zur Deutung von Nolans „Odyssee“. Der chinesische Blick auf den Westen ist nicht bloß ästhetisch. Er steht in einem Machtfeld, in dem Russland, Amerika, Europa, Taiwan, der Globale Süden und die Nachbarstaaten Chinas zusammen gedacht werden.

Europa muss darum den semantischen Tricks entgehen. Der erste Trick lautet: Der Westen ist alt, China ist Zukunft. Der zweite lautet: westliche Selbstkritik beweist westlichen Niedergang. Der dritte lautet: chinesische Zivilisation bietet die Alternative zur liberalen Moderne. Der vierte lautet: Europa kann sich zwischen Amerika und China nur als Markt, Kunde oder Anhängsel verhalten.

Wus Gegenstrategie lautet: Europa soll seine eigene Zivilisation wieder aussprechen. Amerika rede weniger glaubwürdig über Demokratie. China rede von globaler Zivilisation, meine aber im Kern chinesische Zivilisation. Daher müsse Europa seine Werte, seine Institutionen und seine eigene geschichtliche Erfahrung deutlicher artikulieren. Das ist kein Kulturpathos. Es ist strategische Selbstbeschreibung.

Was Nolan unfreiwillig lehrt

Christopher Nolan wollte vermutlich keinen Beitrag zur chinesischen Weltdeutung liefern. Er wollte Homer verfilmen. Doch große Filme entkommen ihren Schöpfern. Nolans „Odyssee“ wird in China auch deshalb interessant, weil sie dem chinesischen Publikum erlaubt, das westliche Selbstbild mit einem antiken Spiegel zu betrachten. Dieser Spiegel zeigt Meer, Heimkehr, Gewalt, Erinnerung, Schuld, List und verlorene Ordnung.

Die chinesische Frage nach dem Barden der Dämmerung trifft einen empfindlichen Punkt. Der Westen erzählt tatsächlich oft von Krise. Klimakrise, Atomkrise, Demokratiekrise, Identitätskrise, Technologiekrise, Krieg, Erschöpfung, Ende. Doch daraus folgt noch kein Niedergangsgesetz. Krisenbewusstsein kann Verfall anzeigen. Es kann auch eine Fähigkeit zur Selbstprüfung anzeigen, die autoritäre Systeme nur begrenzt zulassen.

Das ist Europas Antwort auf die Dämmerungsmetapher. Eine Kultur, die ihre Gefährdungen erkennt, ist noch nicht am Ende. Eine Ordnung, die über Schuld, Gewalt und Heimkehr streitet, ist noch nicht verloren. Eine Öffentlichkeit, die eine chinesische Podcasterin ernst nimmt, weil ihre Fragen besser sind als die üblichen Pressetour-Routinen, zeigt Lernfähigkeit. Gerade darin liegt ein Unterschied zu einem System, das Abweichung diszipliniert und Begriffe von oben festlegt.

Die „Odyssee“ erzählt nicht nur von Heimkehr. Sie erzählt von Prüfung. Odysseus kehrt verändert zurück. Er gewinnt Ithaka nicht durch bloße Nostalgie. Er braucht Erinnerung, List, Geduld, Gewaltkontrolle, Prüfung der Treue und Wiedererkennung. Für Europa könnte diese Lesart produktiver sein als die chinesische Dämmerungsformel. Heimkehr bedeutet dann nicht Rückzug in eine mythische Vergangenheit. Sie bedeutet Wiedergewinnung der eigenen Urteilskraft.

Die Heimkehr der Begriffe

Der Streit um Nolans „Odyssee“ in China ist ein Lehrstück über Begriffe. Hollywood glaubt an die globale Sprache der Bilder. Zhong Shu zeigt, dass jedes Bild in einer anderen Denkordnung neu gelesen wird. Xi Jinpings China legt über westliche Kulturprodukte gern die Folie vom sinkenden Westen. Harro von Senger mahnt, die Begriffe des chinesischen Parteistaats exakt zu lesen. Wu Guoguang empfiehlt Europa, chinesische Strategien, Texte und Denktraditionen aktiv zu verfolgen. Daniel Leese zeigt, dass Chinas Gegenwart ohne die Reformgeschichte der achtziger Jahre und den Bruch von 1989 kaum verstanden werden kann.

Aus all dem entsteht eine einfache, aber anspruchsvolle Lehre. Europa muss die chinesische Rezeption westlicher Kultur ernst nehmen, ohne sich in ihr spiegeln zu lassen. Es muss die Fragen aus Peking hören, ohne die Antworten aus Peking zu übernehmen. Es muss verstehen, dass ein Filmstart, ein Interview, eine Übersetzung, ein Begriff und eine geopolitische Formel zusammenwirken können.

Odysseus in Peking ist daher mehr als ein Kinostart. Er ist ein Testfall für das Zeitalter der Deutungskämpfe. Der Westen exportiert Bilder. China importiert sie, liest sie, verschiebt sie und sendet sie als Diagnose zurück. Europa sollte lernen, diesen Kreislauf zu lesen. Dann wird aus Nolans Film kein Beleg für westliche Dämmerung, sondern ein Anlass zur europäischen Selbstvergewisserung: ohne falsche Universalität, ohne chinesische Fremdregie, mit genauer Sprache, historischem Gedächtnis und strategischer Wachheit.

Die Heimkehr des Odysseus führt im 21. Jahrhundert nicht nur nach Ithaka. Sie führt durch Peking, Köln, Freiburg, Stanford und die europäischen Redaktionsräume. Wer diese Reise versteht, sieht klarer, was Wu Guoguang meinte: Europa hat eine dritte Karte. Sie beginnt mit der Fähigkeit, fremde Fragen zu beantworten, ohne die eigene Sprache zu verlieren.

Der Roman beobachtet zurück: Hans Esselborn erschließt Jean Paul mit Niklas Luhmann und Michail Bachtin

Eine Katze springt auf das Schachbrett. Ein Ehepaar redet sich auseinander. Ein Erzähler betritt den Roman, den er gerade schreibt. Bei Jean Paul geraten Handlung, Kommentar, Gelehrsamkeit und Witz in eine Bewegung, die der Literaturgeschichte lange als Exzess erschien. Hans Esselborn liest diesen Exzess als Methode.

Zwei Kapitel seiner umfassenden Jean-Paul-Studie öffnen einen besonders ergiebigen Zugang. Das eine verfolgt Niklas Luhmanns ausgedehnte Jean-Paul-Lektüre. Das andere prüft die Romane mit Michail Bachtins Theorie der sozialen Redevielfalt, der Polyphonie und des Karnevalesken. Beide Perspektiven führen zu einem Autor, dessen vermeintlicher Wildwuchs einer präzisen Erkenntnisform folgt. Jean Paul verteilt Wissen, staffelt Beobachtungen, lässt gesellschaftliche Sprachen aufeinanderprallen und setzt jede Autorität dem Witz aus.

Esselborn erschließt damit einen Schriftsteller, der die Moderne früh an ihrer empfindlichsten Stelle berührt: Ihr unangefochtenes Zentrum ist verschwunden. Menschen sehen Verschiedenes, sprechen in unterschiedlichen Idiomen und entwerfen Sinn unter Bedingungen fortwährender Unsicherheit. Der Roman wird zum Ort, an dem diese Lage eine Form gewinnt.

Ein Soziologe liest einen Kollegen aus dem Jahr 1800

Luhmanns Interesse lässt sich zählen. Esselborn findet in den untersuchten Hauptwerken 95 Erwähnungen Jean Pauls, darunter 75 wörtliche Zitate. Die „Vorschule der Ästhetik“ liefert den größten Anteil. Hinzu kommen „Siebenkäs“, „Flegeljahre“, „Hesperus“, „Titan“, „Levana“, die „Clavis fichtiana“ und entlegenere Schriften. Jean Paul begleitet Luhmann durch Texte über Kunst, Liebe, Erziehung, Religion, Moral, Organisation, Zeit und Gesellschaft.

Diese Präsenz verrät eine Wahlverwandtschaft des Verfahrens. Luhmann sucht in der Literatur um 1800 die Selbstbeschreibungen einer Gesellschaft, deren alte Ordnung brüchig wird. Stand, Religion, Liebe, Individualität, Kunst und Zukunft erhalten neue Bedeutungen. Die Theorie des Übergangs entsteht erst später. Die Romane registrieren seine Erschütterungen bereits im Vollzug.

Jean Paul dient Luhmann daher als historischer Sensor. Er kennt die alteuropäische Welt noch aus eigener Anschauung und beobachtet bereits, wie ihre Begriffe den Halt verlieren. Seine Zukunftsbilder, seine skeptischen Fragen, seine Szenen misslingender Verständigung und seine Parodien des Idealismus liefern Material für eine Soziologie, die Gesellschaft durch ihre Beschreibungen untersucht.

Esselborn verfolgt dabei auch Luhmanns Auswahl. Der Soziologe bevorzugt den skeptischen, ironischen und reflexiven Jean Paul. Religiöse Hoffnung, empfindsame Menschenliebe und die versöhnende Aufgabe der Dichtung rücken aus seinem Blick. So entsteht ein Jean Paul, der zu Luhmanns Theorie passt. Diese Selektivität gehört zur Sache. Jeder Beobachter erzeugt durch seine Unterscheidungen einen bestimmten Gegenstand. Esselborn beobachtet Luhmann beim Erfinden seines Jean Paul.

Aufklärung gerät in den eigenen Blick

Der Schlüssel zu dieser Lektüre liegt in Luhmanns Antrittsvorlesung „Soziale Aufklärung“ von 1967. Die historische Aufklärung setzte auf Belehrung, Vernunft und die Entlarvung falscher Vorstellungen. Luhmann verschiebt das Programm. Auch der Aufklärer steht innerhalb der Gesellschaft. Seine Kritik folgt Voraussetzungen, Begriffen und Interessen. Sein Blick besitzt Grenzen. Sollten sich heute einige Moralisten im Social Web hinter die Ohren schreiben.

Luhmann nennt diese Wendung „Abklärung der Aufklärung“ und „Reflexivwerden des Aufklärens“. Aufklärung gewinnt eine zweite Stufe, sobald sie ihre eigenen Operationen mitbeobachtet. Der Kritiker muss erklären, wie seine Kritik zustande kommt. Der Entlarver verliert den privilegierten Platz über den Verhältnissen.

Darin steckt politische Sprengkraft. Ideologiekritik muss den eigenen blinden Fleck mitprüfen. Moralische Gewissheit braucht eine Beobachtung ihrer Voraussetzungen. Wer Macht beschreibt, arbeitet selbst mit einem Begriff von Macht. Wer gesellschaftliche Fassaden aufbricht, baut dabei eine eigene Bühne.

Luhmann fasst diese Reflexivität als Beobachtung zweiter Ordnung. Ein Beobachter erster Ordnung bezeichnet etwas in der Welt. Ein Beobachter zweiter Ordnung untersucht, wie der erste seine Unterscheidungen setzt, was sie sichtbar machen und was sie verdecken. Auch die zweite Position bleibt begrenzt. Ihr Erkenntnisgewinn entsteht aus dem Vergleich der Perspektiven.

Für die Genealogie dieses Verfahrens wählt Luhmann einen überraschenden Ort. Die Beobachtung des Beobachtens sei wahrscheinlich zuerst im Roman praktiziert worden, später in Gegenaufklärung und Ideologiekritik. Die Literatur hätte damit eine Erkenntnistechnik erprobt, lange bevor Kybernetik und Soziologie ihr einen Namen gaben.

Der Leser weiß, was Natalie fehlt

In „Siebenkäs“ findet Luhmann eine kleine Versuchsanordnung. Natalie hält Siebenkäs für tot. Siebenkäs kennt die wirkliche Lage. Der Leser kennt beide Wissensstände und erkennt ihre Differenz. Die Spannung entsteht aus einer präzisen Verteilung von Wissen. Der Leser verfolgt eine Ordnung gestaffelter Perspektiven. Er beobachtet, wie Figuren aufgrund begrenzter Informationen handeln, welche Erwartungen sie aneinander richten und welche Irrtümer daraus wachsen. Die erzählte Gesellschaft besteht aus Perspektiven, die einander nur ausschnittweise erreichen.

Jean Paul macht diese Struktur sichtbar, indem er den Erzähler aus dem Versteck holt. Der Erzähler kommentiert, unterbricht, schweift ab, tritt mitunter als Figur auf und zeigt die Werkzeuge seiner Konstruktion. Figuren beobachten andere Figuren. Einige beobachten sich selbst. Der Leser beobachtet ihre Beobachtungen. Der Erzähler führt zugleich vor, wie er diese Ordnung hervorbringt.

Esselborn erwägt dafür den Begriff einer Beobachtung dritter Ordnung. Der Roman zeigt Welt, beobachtet die Beobachter dieser Welt und reflektiert die eigene Darstellung. Die Grenze zwischen erzählter Wirklichkeit und Erzählakt wird beweglich. Jean Paul erscheint unter diesem Blick als Vorläufer einer Erkenntnis, die das 20. Jahrhundert Konstruktivismus nennen wird. Wirklichkeit tritt immer in einer Form auf, die ein Beobachter erzeugt. Der Erzähler steht innerhalb des Spiels, dessen Regeln er kommentiert.

Das Missverständnis wird lesbar

Luhmann kehrt auffällig oft zu den Eheszenen des „Siebenkäs“ und zu den Zwillingen der „Flegeljahre“ zurück. Ihn beschäftigt das Scheitern der Kommunikation. Die Figuren reden, beobachten einander, reagieren auf vermutete Erwartungen und entfernen sich dabei weiter voneinander. Intimität verschärft das Problem. Liebende erwarten Verständnis für Worte, Gefühle, Schweigen und unausgesprochene Motive. Jede Reaktion antwortet auf eine Vermutung über den anderen. So entstehen Schleifen, in denen ein Gespräch seine eigenen Störungen produziert.

Der Roman gewinnt daraus eine paradoxe Leistung. Er kommuniziert das Scheitern von Kommunikation. Die Figuren verfehlen einander; der Leser erkennt den Bauplan ihres Verfehlens. Literatur macht ein Missverständnis lesbar, das seinen Beteiligten verschlossen bleibt. Diese Einsicht verändert auch den politischen Blick auf Konflikte. Gegensätze entstehen häufig aus verschiedenen Beobachtungsordnungen. Jede Seite erlebt ihre Beschreibung als plausibel, weil sie ihre eigenen Voraussetzungen selten mitbeobachtet. Der Roman stellt solche Perspektiven nebeneinander und bewahrt ihre unaufgelöste Spannung. Er zeigt die Logik des Streits, bevor er ein Urteil fällt.

Jean Pauls Ironie erhält hier ihre erkenntniskritische Funktion. Sie schafft Abstand zur eigenen Rede. Ein Satz kann sprechen und zugleich seine Begrenzung anzeigen. Die Gewissheit bekommt einen Schatten. Aus diesem Schatten wächst die Möglichkeit, anders zu sehen.

Bachtin hört die Gesellschaft im Satz

Esselborns zweiter Zugriff beginnt mit einer methodischen Entscheidung: Die Handlungsfügung tritt zurück, die Erzählweise rückt nach vorn. Jean Pauls mitspielende Erzählerfigur, die verwirrende Sprachfülle und der Wechsel der Redeweisen bilden nun das eigentliche Untersuchungsfeld. Michail Bachtin liefert dafür das Instrumentarium. Seine Romantheorie begreift den Roman als Kunstform sozialer Redevielfalt. Autorensprache, Erzählerrede, Figurenstimmen, eingebaute Gattungen und gesellschaftliche Idiome treten in ein dialogisches Verhältnis. Jede Redeweise bringt eine soziale Erfahrung und eine Weltsicht mit.

In diesem Modell gelangt Wirklichkeit durch die Sprache in den Roman. Ein Jurist, ein Geistlicher, ein Gelehrter, ein Kleinbürger und ein Schwärmer verfügen über verschiedene Wörter, Rhythmen und Wertungen. Ihre Sprachen ordnen die Welt, noch bevor sie einen einzelnen Gegenstand benennen. Esselborns Hypothese trifft Jean Paul im Zentrum: In der entfesselten Subjektivität des Autors steckt Welt. Der Sprachrausch des Erzählers und der Figuren vermittelt gesellschaftliche Realität über die in ihm versammelten sozialen Sprachen. Die Fülle lässt ihre konkurrierenden Deutungen hörbar werden.

Der Sprachrausch besitzt eine soziale Grammatik

Jean Pauls Prosa führt Gelehrtensprache und Alltagsrede, Philosophie und Körperkomik, religiöse Erhebung und Satire, Empfindsamkeit und Verwaltungsjargon dicht aneinander heran. Die Register vermischen sich, kommentieren einander und unterlaufen ihre jeweiligen Geltungsansprüche. Bachtin spricht vom „galileischen Sprachbewusstsein“ des Romans. Wie Galilei das alte Weltzentrum verschob, löst der Roman die Vorstellung einer einzigen verbindlichen Sprache auf. Mehrere soziale Sprachen beanspruchen Wahrheit. Jede eröffnet eine Welt; jede bleibt begrenzt.

Jean Pauls Abschweifungen erhalten unter dieser Perspektive eine neue Architektur. Die Einheit des Romans entsteht aus der Bewegung zwischen den Stimmen. Zusammenhang wird ausgehandelt, verworfen und neu entworfen. Der Text schwankt zwischen transzendenter Sinnerwartung und subjektivem Experiment, wie Esselborn schreibt. Seine Form hält beide Kräfte in Spannung. Der Vorwurf des Chaotischen verliert damit seine Selbstverständlichkeit. Jean Paul zerstört die alte Ordnung des Erzählens, weil die dargestellte Welt ihr ruhendes Zentrum verloren hat. Der Roman reagiert auf gesellschaftliche Pluralität mit sprachlicher Pluralität.

Das Verfahren trägt politische Energie. Eine Sprache, die sich zur alleinigen Trägerin der Wahrheit erklärt, begegnet im Roman einer anderen Sprache, die ihre Grenzen hörbar macht. Herrschaft über Wörter wird angreifbar. Der Text verteilt das Recht auf Weltdeutung auf mehrere Stimmen.

Der Karneval zieht die Autorität auf die Erde

Bachtins Begriff des Karnevalesken beschreibt eine Kultur der Umkehrung. Rangordnungen geraten ins Rutschen. Hohes begegnet Niedrigem, das Feierliche dem Körper, die gelehrte Rede dem Lachen. Autorität verliert ihre sakrale Distanz und wird prüfbar. Jean Pauls Humor arbeitet häufig nach diesem Verfahren. Ein philosophischer Höhenflug landet bei den Kniescheiben. Ein abstrakter Begriff gerät neben ein körperliches Detail. Gelehrsamkeit trägt plötzlich eine Narrenkappe. Das Lachen prüft den Gedanken und entzieht ihm den Anspruch auf Unberührbarkeit.

So gewinnt Ironie politische Reichweite. Sie hält Sprache offen, wo Dogma sie schließen will. Sie erinnert den Sprecher an seine Rolle und den Begriff an seine Herkunft. Der Satz kann sich seiner eigenen Feierlichkeit entziehen. Der Karneval setzt die geltende Ordnung für einen Augenblick außer Kraft und zeigt, dass ihre Rangfolge gemacht wurde. Jean Pauls Romane bewahren diesen Augenblick in der Sprache. Ihre Komik führt vor, wie leicht Würde, Wissen und Macht ihre Kostüme wechseln.

Das Wort spricht mit fremder Stimme

Für die Analyse Jean Pauls eignet sich besonders Bachtins Begriff des zweistimmigen Wortes. Eine Äußerung trägt die Sprache eines anderen in sich und fügt ihr eine zweite Intention hinzu. Ironie, Parodie und Stilisierung leben von dieser Doppelung. Das fremde Wort bleibt erkennbar und erfährt zugleich eine neue Wertung. Jean Paul arbeitet fortwährend mit solchen Übernahmen. Seine Exzerpthefte sammeln Wissen aus Naturkunde, Medizin, Philosophie, Theologie und Geschichte. Im Roman verlassen diese Fundstücke ihre Herkunftsorte. Sie werden Metaphern, Witze, Fußnoten und Kommentare. Der Autor baut aus fremdem Wissen eine eigene sprachliche Welt.

Luhmann verfährt mit Jean Paul ähnlich. Er löst Sätze aus poetologischen, erzählerischen oder philosophischen Zusammenhängen und setzt sie in seine Gesellschaftstheorie ein. Eine Bemerkung über den Knoten einer Romanhandlung wird zum Gedanken über Rekursivität. Ein Satz über Engel und Teufel wandert in eine Theorie von Entscheidung und Zukunft. Eine ironische Figur der Subjektphilosophie erscheint als Vorform systemtheoretischer Selbstreferenz.

Esselborn zeigt dabei Verschiebungen, Verdichtungen und Fehllektüren. Luhmann rechnet Rollenrede gelegentlich dem Autor zu. Er verbindet Textbruchstücke und verändert ihre Funktion. Diese Eingriffe gehören zu seiner theoretischen Werkstatt. Der ursprüngliche Kontext bleibt als Widerstand erhalten; der neue Kontext erzeugt eine weitere Bedeutung. So begegnen sich Jean Pauls Exzerptpraxis und Luhmanns Zettelkasten. Beide sammeln, isolieren und kombinieren. Beide vertrauen auf den Erkenntnisgewinn unerwarteter Nachbarschaften. Wissen liegt für sie in den Beziehungen zwischen den Fundstücken.

Zwei Theorien öffnen denselben Roman

Luhmann und Bachtin führen in verschiedene Richtungen. Luhmann untersucht Operationen des Beobachtens, die Grenzen jeder Perspektive und die Rekursion sozialer Kommunikation. Bachtin hört gesellschaftliche Stimmen, ihre Konflikte und ihre dialogischen Beziehungen. Esselborn wahrt diese Differenz und nutzt sie produktiv.

Mit Luhmann wird Jean Paul zum Analytiker gestaffelter Beobachtung. Seine Figuren, Leser und Erzähler verfügen über verschiedene Wissensstände. Der Roman zeigt, wie Wirklichkeit aus ihren Beziehungen entsteht. Mit Bachtin wird Jean Paul zum Architekten einer sprachlichen Gesellschaft. Seine Prosa versammelt soziale Idiome, Weltanschauungen und Wertungen. Der Roman zeigt, wie jede Wirklichkeit in einer Sprache erscheint.

Beide Zugänge treffen sich im Verlust des letzten Wortes. Jeder Beobachter erfasst einen Ausschnitt. Jede Sprache trägt eine begrenzte Wahrheit. Der Zusammenhang bleibt beweglich, weil jede Perspektive eine Antwort hervorrufen kann. Esselborns Buch erschließt Jean Paul daher über eine produktive Spannung. Der Autor sucht transzendenten Sinn und unterbricht zugleich jede Sprache, die ihn endgültig festschreiben möchte. Er entwirft eine Welt und zeigt ihre Konstruktion. Er führt Stimmen zusammen und bewahrt ihre Differenzen. Seine Romane halten Ordnung und Auflösung in einer unruhigen Balance.

Ironie schützt die Freiheit des Urteils

Die politische Aussagekraft dieser Poetik entsteht aus ihrer Form. Beobachtung zweiter Ordnung kontrolliert den Anspruch des Kritikers auf Überlegenheit. Polyphonie begrenzt den Herrschaftsanspruch einer einzigen Sprache. Karneval nimmt Autoritäten ihre sakrale Distanz. Das zweistimmige Wort lässt im eigenen Satz bereits den Widerspruch hörbar werden. Ironie erfüllt dabei eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie verhindert, dass Kritik zur neuen Orthodoxie gerinnt. Sie setzt die eigene Aussage dem Risiko einer anderen Perspektive aus. Sie schützt das Urteil vor Selbstvergötterung.

Eine demokratische Öffentlichkeit braucht diese Fähigkeit. Politische Sprache neigt zur Verengung: Freund und Feind, vernünftig und unvernünftig, legitim und illegitim. Jean Pauls Erzählweise setzt solchen Zweiteilungen ein Geflecht von Stimmen, Wissensständen und Selbsttäuschungen entgegen. Der Leser lernt, Urteile zu prüfen und bewahrt die Fähigkeit zum Urteil.

Esselborn macht sichtbar, wie früh Jean Paul diese Kunst beherrschte. Der Autor lebte an einer Epochenschwelle. Die alte Ordnung verlor ihre Gewissheit, die moderne Gesellschaft suchte nach neuen Beschreibungen. Jean Paul antwortete mit Romanen, die ihre eigene Form beim Entstehen beobachten und die Gesellschaft in ihren Sprachen sprechen lassen. Seine Modernität liegt in dieser doppelten Bewegung. Der Roman sieht seinen Beobachtern zu. Er hört seinen Sprachen beim Streiten zu. Aus beidem entsteht eine Literatur, die Gewissheit in Erkenntnis verwandelt, indem sie ihr Grenzen setzt. Jean Paul überlässt der Moderne das nächste Wort. Er lehrt sie, genauer zuzuhören.

Tipp: Mal reinschauen in das Livestreaming-Opus von Hannes Schleeh und meiner Wenigkeit, erschienen in Hanser Verlag: Jean Paul und das Ideengewimmel mit Hangout on Air

Vom Feldbergturm in den Bannwald

Gegen neun Uhr mischen wir uns nach dem Frühstück unter den Besucherstrom am Seebuck. Am Feldbergturm und am Bismarck-Denkmal endet der bequeme Teil. Steile Pfade führen in Richtung Feldsee, durch Farne, Totholz und einen Wald, der nach seinen eigenen Regeln wächst.

Fünfter Tag, Donnerstag, 13. August 2026

Gegen neun Uhr steht der Feldberg längst in der Sonne. Wir haben gefrühstückt, fahren zum Seebuck und beginnen unsere Runde gemeinsam mit den anderen Besuchern. Familien schieben Kinderwagen über den breiten Weg, Wandergruppen prüfen ihre Karten, Gondeln ziehen über das gelbe Sommergras. Manche kommen in Bergschuhen, andere in Sandalen. Der höchste Berg des Schwarzwalds empfängt sie alle.

Ein roter Pistenbully parkt am Hang. Seine breite Schaufel trägt die Kratzer vergangener Winter. Schneekanonen stehen auf den ausgedörrten Wiesen, Liftmasten schneiden senkrechte Linien in den Himmel. Das Wintersportgebiet zeigt im August sein Gerippe. Maschinen warten, Gras wächst zwischen den Anlagen, die Gondel hält den Sommerbetrieb aufrecht.

Wir folgen zunächst dem Strom. Der Weg steigt gleichmäßig an und lässt Raum für Gespräche, Kinder und entgegenkommende Fahrräder. Vor uns rücken Feldbergturm und Sendemasten immer näher. Die technische Silhouette auf der Kuppe wirkt wie eine kleine Höhenstadt: Antennen, Plattformen, Wege, Betriebsgebäude und Menschen, die sich als farbige Punkte über den Rücken verteilen.

Dieser Abschnitt gehört zum öffentlichen Feldberg. Der Berg ist erschlossen, geordnet und zugänglich. Seine Aussicht lässt sich ohne große Mühe erreichen. Genau deshalb kommen so viele.

Bismarck blickt über den Kessel

Nahe dem Feldbergturm steht das Bismarck-Denkmal. Ein dunkles Bronzerelief sitzt in grobem Stein. Das Profil des Reichskanzlers blickt seitlich aus dem Rund, Lorbeerblätter rahmen Uniform und Kopf.

Das Denkmal trägt die politische Bildsprache des Kaiserreichs auf den Berg. Höhen eigneten sich für solche Zeichen. Der weite Blick verlieh nationaler Erinnerung eine natürliche Kulisse, und der Stein sollte Dauer versprechen. Bismarck erscheint hier als Teil einer Landschaft, die ihm lange vorausging und ihn lange überdauern wird.

Heute halten Wanderer kurz für ein Foto. Kinder klettern über die Steine, Erwachsene suchen den besten Winkel. Der Feldberg nimmt die historische Last gelassen auf. Wind streicht über das Denkmal, Gondeln fahren darüber hinweg, und tief unten liegt der Feldsee im dunklen Kessel. Bis hierher bewegen wir uns mit dem Besucherstrom. Danach ändert sich der Weg.

Der bequeme Teil bleibt oben

Hinter dem Bismarck-Denkmal führt unsere Route in Richtung Bannwald und Feldsee. Der breite Weg weicht einem schmalen Pfad. Die Stimmen der anderen Wanderer verlieren sich rasch. Der Boden fällt steiler ab, Wurzeln durchziehen die Tritte, lose Steine verlangen Aufmerksamkeit. Hier braucht man Trittsicherheit.

Ein falscher Schritt hätte Folgen. Der Hang gibt kaum ebene Flächen frei. Manche Passagen führen quer durch das Gefälle, andere steigen über Stufen aus Fels und Wurzelwerk ab. Trockene Stellen wechseln mit feuchten Rinnen. In der Nähe kleiner Wasserläufe liegt Moos auf den Steinen. Es sieht weich aus und kann glatt werden.

Die Hitze bleibt oberhalb der Baumgrenze zurück. Unter den Kronen wird die Luft kühler. Farne stehen dicht an den Rändern, Heidelbeersträucher bedecken den Boden. Das Licht erreicht den Wald in einzelnen Feldern. Ein Stamm leuchtet auf, ein Stück Bach glitzert, danach schließt sich wieder der Schatten. Der Feldberg zeigt nun seine zweite Landschaft. Oben lagen offene Wiesen, Gondeln und Aussichtspunkte. Hier unten herrschen Gefälle, Totholz, Wasser und dichter Bewuchs.

Der Urwald von morgen

An einem Baum hängt das Schild „Bannwald“. Darunter steht, dieser Wald solle sich ungestört zum „Urwald von morgen“ entwickeln. Die Fläche dient zugleich der wissenschaftlichen Beobachtung und der Urwaldforschung. Besucher sollen auf den Wegen bleiben. Herabfallende Äste und umstürzende Bäume gehören zum Risiko. Das Schild beschreibt keine romantische Wildnis. Es benennt einen Prozess.

Im Bannwald fällt der Förster keine alten Bäume und räumt keinen Windwurf auf. Stämme brechen, Kronen stürzen, Holz verfault. Pilze, Insekten und Mikroorganismen zerlegen, was der Wald hervorgebracht hat. Junge Bäume wachsen in die Lücken. Licht verändert den Boden, Wasser sucht neue Wege, das Gelände ordnet sich fortlaufend neu.

Diese Ordnung wirkt auf den ersten Blick unübersichtlich. Abgestorbene Fichten stehen zwischen kräftigem Nachwuchs. Kahle Stämme ragen wie Masten über das Grün. Manche Bäume haben ihre Rinde verloren, andere tragen Flechten und Moos. Umgestürztes Holz liegt quer zum Hang. Der Wanderpfad muss sich hindurchwinden. Der Bannwald verändert auch das Gehen. Auf einem Wirtschaftsweg blickt man weit voraus. Hier reicht die Aufmerksamkeit bis zur nächsten Wurzel, zum nächsten Stein, zum nächsten sicheren Tritt. Der Wald zwingt das Tempo herab.

Das lohnt sich. Zwischen den Stämmen liegen Details, die auf den offenen Höhen verschwinden würden: Wasser, das über braune Steine läuft; Farnwedel, die sich über einen Bach legen; Moospolster auf Felsen; junge Fichten, die aus vermoderndem Holz wachsen. Der Begriff „Urwald von morgen“ klingt zunächst groß. Vor Ort wird er konkret. Morgen bedeutet hier Jahrzehnte und Jahrhunderte. Ein menschliches Wanderleben erfasst davon nur einen Ausschnitt.

Der Feldsee zwischen den Stämmen

Immer wieder erscheint der Feldsee durch Lücken im Wald. Mal liegt er als schmaler blauer Streifen zwischen den Zweigen, mal öffnet sich der Blick auf einen größeren Teil seiner Wasserfläche. Dann schließt der Wald das Bild erneut.

Der See gewinnt gerade durch dieses Verbergen. Von oben am Bismarck-Denkmal ließ er sich als Ganzes erfassen. Im Bannwald zerfällt er in Ausschnitte: Wasser, Ufer, Spiegelung, dunkle Tiefe. Der Wanderer sieht den See durch die Ordnung der Bäume. Die steilen Hänge führen den Blick hinab. Der Weg verlangt zugleich volle Konzentration auf den Boden. Aussicht und Vorsicht wechseln sich ab. Wer fotografiert, bleibt besser stehen.

An einer Stelle öffnet sich der Wald weit genug für den Blick über mehrere Höhenzüge. Die Kämme des Südschwarzwalds staffeln sich in blauen Abstufungen bis zum Horizont. Dahinter zeichnen sich im Dunst die Alpen ab. Vorne stehen dunkle Fichten, weiter hinten werden die Berge heller, bis sie fast mit dem Himmel verschmelzen.

Über uns sitzt ein kleiner Greifvogel auf einem Drahtseil. Das Kabel läuft als schwarze Diagonale durch das Blau. Der Vogel bleibt ruhig, während unter ihm Gondeln, Wanderer und Technik ihren Weg nehmen. Sein Körper ist klein im Verhältnis zur Fläche des Himmels. Die Konturen von Flügeln, Brust und Schwanzfedern halten ihn dennoch im Bild.

Der Berg trägt zwei Geschwindigkeiten

Später gewinnt der Weg wieder an Höhe. Die steilen Abschnitte fordern Kraft, besonders dort, wo der Boden trocken und lose geworden ist. Die Schritte werden kürzer. Jeder Tritt braucht einen festen Platz. Mit dem Anstieg kehren die Geräusche des Ausflugsbergs zurück. Erst hört man Stimmen, dann die Seilbahn, schließlich sieht man wieder die offenen Hänge. Schneekanonen stehen im Gras, ein Sommerweg zieht über die Piste, der Feldbergturm erscheint erneut am Horizont. Die Runde verbindet zwei Geschwindigkeiten des Berges.

Die erste gehört dem touristischen Betrieb. Sie führt vom Parkplatz über breite Wege zu Turm, Denkmal und Aussicht. Viele Menschen können diesen Teil gemeinsam erleben. Die zweite beginnt am Abzweig zum Bannwald. Sie verlangt Aufmerksamkeit, sichere Schritte und Zeit. Der Weg wird stiller, die Landschaft enger, die Wahrnehmung genauer. Der Feldsee taucht zwischen Bäumen auf, Bäche laufen unter Farnen, abgestorbene Stämme zeigen den langen Umbau des Waldes.

Gegen neun Uhr waren wir nach dem Frühstück gemeinsam mit den anderen aufgebrochen. Für einen Teil der Strecke blieben wir Teil des Besucherstroms. Am Feldbergturm und am Bismarck-Denkmal teilten sich die Wege. Danach führte unsere Runde in das steile Gelände unterhalb des Seebucks. Bei der Rückkehr liegen die Hänge im hellen Licht. Gondeln schweben über der Piste, der rote Pistenbully wartet weiter auf den Winter. Hinter uns bleibt der Bannwald mit seinem langsamen Zeitmaß.

Der Feldberg trägt beides auf engem Raum: den erschlossenen Ausflugsberg und den Wald, der ohne forstliche Regie alt werden darf. Dazwischen liegt ein schmaler Pfad. Er fordert Trittsicherheit und öffnet den Blick auf den Feldsee.

Dax-Vergütung: Ein System belohnt sich selbst

Ein Mitglied eines Dax-Vorstands erhielt 2025 im Durchschnitt 3,909 Millionen Euro, das 42-Fache eines durchschnittlichen Beschäftigtengehalts. Vorstandsvorsitzende kamen auf 6,137 Millionen Euro. Bei 27 der 40 Konzerne lag die Zielerreichung oberhalb von 100 Prozent. Die am 13. August 2026 veröffentlichte Vergütungsstudie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und der Technischen Universität München liefert Zahlen, die aus einer Gehaltsdebatte eine Machtfrage machen. Wer setzt die Ziele? Wer prüft ihre Schwierigkeit? Wer rechnet Börsenwind in persönliche Leistung um?

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz schlägt zehn Millionen Euro als Obergrenze vor. Eine Kappung begrenzt den äußersten Betrag. Die Qualität der Ziele und der Kontrolle bleibt davon unberührt. Ein außergewöhnlich erfolgreicher Vorstandschef kann einen hohen Preis rechtfertigen. Entscheidend ist das Verfahren, das diesen Preis festlegt.

Dieses Verfahren wirkt zunehmend geschlossen. Vorstände liefern Strategie, Planung und Prognosen. Vergütungsberater übersetzen sie in Kennzahlen. Aufsichtsräte beschließen Zielkorridore und Vergleichsgruppen. Institutionelle Anleger stimmen auf der Hauptversammlung ab. Jeder Akteur erfüllt seine formale Rolle. Die Verantwortung für das Gesamtergebnis zerfällt entlang der Kette.

Zu viele Zielerreichungen entwerten das Ziel

Die Studie beschreibt 2025 als gutes Börsenjahr. Der Dax gewann mehr als 23 Prozent. Jürgen Ernstberger von der Technischen Universität München hält die gestiegenen Vergütungen deshalb für verhältnismäßig. Der Hinweis erklärt einen Teil der Entwicklung. Zugleich legt er den Konstruktionsfehler offen. Ein breiter Kursanstieg senkt die Hürde für fast alle Unternehmen. Er spiegelt Marktlage, Kapitalströme und Konjunkturerwartungen. Der individuelle Beitrag eines Vorstandes bleibt darin schwer erkennbar.

Ein Vergütungssystem muss diesen Rückenwind herausrechnen. Die Rendite oberhalb einer passenden Vergleichsgruppe gehört zum Leistungsmaßstab. Branchenkonjunktur, Wechselkurse, Rohstoffpreise, Zinsen und regulatorische Sondereffekte brauchen eine eigene Zuordnung. Der Aufsichtsrat muss erfassen, was das Management beeinflusste und was ihm zufiel. Sonst bezahlt er Glück wie Führung.

27 Zielerreichungen oberhalb von 100 Prozent werfen eine Kalibrierungsfrage auf. Ziele sollen anspruchsvoll und erreichbar sein. Übertrifft eine deutliche Mehrheit ihre Vorgaben, spricht viel für weiche Kalibrierung, günstige äußere Effekte oder einen großzügigen Ermessensspielraum. Ein einzelnes gutes Jahr kann hohe Quoten erzeugen. Der Aufsichtsrat muss für jedes Unternehmen erklären, welcher Anteil aus eigener Leistung stammt und welcher Anteil vom Markt kam.

Die Zusammensetzung der Bezahlung verstärkt diesen Prüfbedarf. 31,7 Prozent entfielen 2025 auf feste Vergütung, 26,1 Prozent auf kurzfristige variable Komponenten und 42,2 Prozent auf langfristige variable Komponenten. Der hohe Langfristanteil klingt vernünftig. Eine lange Laufzeit garantiert jedoch noch keine langfristige Unternehmensführung. Vier Jahre Haltedauer können einen schwachen Indikator lediglich verlängern.

Hellwig stellte die Machtfrage früher

Der Ökonomon Martin Hellwig hat die gängige Erklärung für die Explosion der Managergehälter früh angegriffen. Lange hieß es, mächtige Aktionäre hätten hohe Boni durchgesetzt, um Vorstände auf den Börsenwert zu verpflichten. Diese Theorie verlor an Überzeugungskraft, als Vorstandschefs auch bei sinkenden Kursen, strategischen Fehlschlägen und verspielten Zukunftschancen hohe Bezüge erhielten.

Hellwigs Diagnose lautet: „Die eigentliche Macht in den Großunternehmen liegt bei den Managern.“ Shareholder Value, Aktienkursziele und Bonusmodelle seien von Führungskräften aktiv gefördert worden. Die Aktionäre hätten dieses System weitgehend übernommen. Seine Folgerung zielte auf wirksame Gegenmacht der Anteilseigner, vor allem im Interesse der vielen kleineren Kapitalgeber.

Die Vergütungsstudie 2026 gibt dieser Diagnose neues Material. Der Vorstand muss sein eigenes Gehalt heute kaum offen entwerfen. Er prägt Prognosen, Zielvorschläge und die Informationslage. Vergütungsberater liefern Vergleichswerte. Der Aufsichtsrat entscheidet auf einer Grundlage, die das Management maßgeblich vorbereitet.

Institutionelles Kapital organisiert Distanz

Der Anteil institutioneller Investoren im Dax stieg 2025 auf 60,2 Prozent. Der Anteil indexorientierter Anleger wuchs binnen eines Jahres von 25,0 auf 27,5 Prozent. BlackRock blieb mit 6,1 Prozent des Dax-Streubesitzes der größte Investor; der Zuwachs kam vor allem aus börsengehandelten Indexfonds. (EQS News)

Diese Konzentration suggeriert Durchgriff. In der Praxis verändert sie die Form der Kontrolle. Der Einfluss großer Vermögensverwalter läuft vor allem über ihre Stimmrechte. Die Hauptversammlung wählt die Anteilseignervertreter. Große Stimmblöcke prägen damit Wahl, Wiederwahl, Dialog und Vergütungsvoten auf dieser Seite des Gremiums.

Ein Vermögensverwalter stimmt mit dem Geld seiner Kunden ab. Ein Indexfonds hält die Aktie im Rahmen seiner Indexabbildung. Teams für Aktionärsrechte überwachen große Portfolios. Abstimmungsrichtlinien, Datenanbieter und Stimmrechtsberater verdichten komplexe Unternehmenslagen zu wiederholbaren Entscheidungen. Eine aktuelle Mercer-Analyse untersucht dafür die Leitlinien der 30 wichtigsten institutionellen Dax-Investoren sowie der Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis.

Daraus entsteht eine Kette delegierter Kontrolle. Der Sparer delegiert an den Fonds. Der Fonds überträgt die Prüfung der Unternehmensführung an ein spezialisiertes Team. Das Team arbeitet mit allgemeinen Kriterien und externen Daten. Die Hauptversammlung erhält schließlich ein Votum, dessen persönliche Verantwortlichkeit kaum greifbar ist.

Institutionelle Investoren besitzen das Kapitalgewicht für wirksame Eingriffe. Ihr Geschäftsmodell setzt weitere Prioritäten. Gebühren fallen laufend an, Engagement kostet Personal, und ein einzelnes Unternehmen bildet oft nur einen kleinen Teil des Portfolios. Bei passiven Produkten scheidet der vollständige Verkauf einer Indexaktie als unmittelbare Sanktion weitgehend aus. Übrig bleibt die Stimme. Gerade deshalb müsste sie unternehmensspezifischer, nachvollziehbarer und konfliktbereiter eingesetzt werden.

Multifunktionäre bringen Netzwerke und Zeitknappheit

Der zweite Teil des Problems sitzt im Aufsichtsrat. Union Investment stellte in seinem Corporate-Governance-Ranking 2026 fest, dass bei 34 der 40 Dax-Konzerne mindestens ein Aufsichtsratsmitglied zu viele Mandate hält. Im vorherigen Ranking traf dies auf 27 Unternehmen zu. Die Untersuchung sieht zudem Defizite bei Unabhängigkeit und Kompetenztransparenz.

Der Deutsche Corporate Governance Kodex empfiehlt für ein Aufsichtsratsmitglied ohne Vorstandsamt höchstens fünf externe Mandate in börsennotierten oder vergleichbaren Unternehmen; ein Vorsitz zählt doppelt. Ein amtierender Vorstand eines börsennotierten Unternehmens soll höchstens zwei externe Mandate übernehmen und keinen Aufsichtsratsvorsitz außerhalb des eigenen Konzerns führen. Mehr als die Hälfte der Anteilseignervertreter soll unabhängig von Gesellschaft und Vorstand sein.

Diese Regeln erkennen das Zeitproblem. Sie lösen es nur begrenzt. Ein Mandat beansprucht in ruhigen Quartalen Sitzungszeit und Aktenlektüre. In einer Krise verlangt es Tage, Gespräche, Sonderausschüsse und eigenes Urteil. Vergütungsfragen wirken gegenüber Bilanzskandalen oder Übernahmen leicht routiniert. Dabei entscheidet der Aufsichtsrat hier über Anreize, Risikobereitschaft und die Verteilung von Unternehmenserfolg.

Multifunktionäre bringen Erfahrung, Kontakte und Marktkenntnis ein. Sie bewegen sich zugleich in einem engen sozialen und beruflichen Feld. Wo amtierende oder ehemalige Vorstände solche Mandate übernehmen, kennen sie die Vergütungslogik aus eigener Erfahrung. Die Beteiligten arbeiten mit vergleichbaren Beratern, lesen ähnliche Benchmarks und begegnen sich in Verbänden, Beiräten und weiteren Kontrollgremien. So entsteht kognitive Nähe. Ein Gehalt, das gestern als Ausnahme galt, dient morgen als Vergleichswert.

Der Kodex warnt ausdrücklich vor diesem Mechanismus. Der Aufsichtsrat soll bei Vergleichen mit einer Gruppe anderer Unternehmen darauf achten, dass daraus keine automatische Aufwärtsentwicklung entsteht. Die Warnung steht im Regelwerk, weil die Spirale im System angelegt ist: Jeder Konzern möchte für seine Spitze mindestens marktüblich zahlen. Viele streben das obere Quartil an. Mathematisch kann eine ganze Gruppe dieses Ziel nie gleichzeitig erreichen. Der Versuch hebt dennoch den Referenzwert. (dcgk)

Das Aktionärsvotum bleibt Beratung

Formal liegt die Zuständigkeit klar beim Aufsichtsrat. Er bestellt, überwacht und berät den Vorstand. Er beschließt das Vergütungssystem und setzt die konkrete Vergütung fest. Die Hauptversammlung stimmt über das System und den Vergütungsbericht ab. Das Votum der Aktionäre hat beratenden beziehungsweise empfehlenden Charakter.

2025 erhielten die Vergütungsvorlagen der Dax-Unternehmen im Durchschnitt 89 Prozent Zustimmung. Nur zwei Vorschläge blieben unter 70 Prozent; einer verfehlte die Mehrheit. Hohe Zustimmungswerte können Vertrauen ausdrücken. Ein gutes Börsenjahr, standardisierte Abstimmungsrichtlinien und komplexe Vorlagen begünstigen ebenfalls die Zustimmung.

So schließt sich der Kreis. Der Vorstand prägt Planung und Informationslage. Berater bauen daraus ein Vergütungsmodell. Der Aufsichtsrat wählt Kennzahlen und Vergleichsunternehmen. Große Anleger prüfen das Modell mit begrenzten Ressourcen und allgemeinen Leitlinien. Die Hauptversammlung bestätigt es meist. Die formal vorgesehenen Schritte werden durchlaufen. Die wirtschaftliche Gegenrede bleibt schwach.

Bonuspläne messen die Vergangenheit

Die Studie liefert dafür ein aufschlussreiches Detail. Nur sechs der 40 Dax-Unternehmen verankerten Ziele zur künstlichen Intelligenz in der kurzfristigen variablen Vergütung. In der langfristigen Vergütung tat dies allein die Commerzbank.

Vergütungssysteme bevorzugen Kennzahlen, die sich leicht prüfen und mit historischen Reihen vergleichen lassen. Umsatz, Ergebnis, Cashflow, Kapitalrendite und Aktienkurs liefern vergleichbare Zahlen. Künftige Fähigkeiten sind schwieriger zu fassen. Dazu gehören belastbare Datenbestände, produktive KI-Anwendungen, neue Erlösmodelle, qualifizierte Beschäftigte, Cybersicherheit und die Fähigkeit, Prozesse tatsächlich umzubauen.

Die geringe Bedeutung von KI-Zielen zeigt, wie langsam Vergütungssysteme neue strategische Felder aufnehmen. Ein KI-Kriterium gehört dort in den Bonus, wo das Unternehmen die Technologie als wesentliche strategische Priorität führt und belastbar messen kann. Der Aufsichtsrat muss dann Produktivität, Investitionen, Ertragsbeitrag und Risiken gemeinsam betrachten. Eine bloße Zahl eingesetzter Anwendungen würde Fehlanreize schaffen.

Auch die Geschlechterdifferenz verweist auf Struktur. Männliche Vorstände verdienten 2025 im Durchschnitt 17,9 Prozent mehr als weibliche Vorstände. Unter den 40 Vorstandsvorsitzenden befanden sich vier Frauen. Der Abstand spiegelt damit auch die ungleiche Verteilung der mächtigsten und bestbezahlten Funktionen.

Gegenmacht braucht klare Zuständigkeit

Eine Reform muss beim Leistungsbegriff beginnen. Der Aufsichtsrat sollte Markteffekte, Branchenzyklen und andere externe Gewinne aus der variablen Vergütung herausrechnen. Relative Kennzahlen gegen geeignete Wettbewerber gehören ins Zentrum. Für jeden Bonus braucht es eine kurze Überleitung vom berichteten Unternehmensergebnis zur vergüteten persönlichen Leistung. Aktionäre und Beschäftigte müssen erkennen können, welcher Euro aus operativem Fortschritt stammt und welcher aus Börsenwind.

Die Zielkorridore sollten vor Beginn der Leistungsperiode feststehen. Nach Ablauf der Periode muss der Aufsichtsrat jede Ausübung seines Ermessens, jede Berücksichtigung außergewöhnlicher Entwicklungen und jede zulässige Abweichung vom gebilligten System einzeln erklären. Der Kodex fordert bereits, nachträgliche Änderungen von Zielwerten und Vergleichsparametern auszuschließen und die Zielerreichung nachvollziehbar darzustellen. Bei einer Quote wie 27 von 40 Unternehmen oberhalb von 100 Prozent gehört die Kalibrierung auf den Prüfstand.

Auch die personelle Kontrolle braucht schärfere Grenzen. Mandatsobergrenzen sollten tatsächliche Arbeitslast, Ausschussvorsitze und Krisenverfügbarkeit erfassen. Ein Vorsitz im Prüfungs- oder Vergütungsausschuss wiegt schwerer als ein einfaches Mandat. Unternehmen sollten Zeitaufwand, Anwesenheit, Sondertermine und weitere Funktionen ihrer Kontrolleure transparent machen.

Ein unabhängiger Vergütungsausschuss braucht Mitglieder, die dem Vorstand beruflich und sozial genügend Distanz entgegensetzen. Der Aufsichtsrat sollte seinen Vergütungsberater selbst auswählen, beauftragen und bezahlen. Parallelmandate des Beraters für das Management schließen die Mitwirkung am Vergütungssystem aus. Der Kodex verlangt bereits die Unabhängigkeit externer Vergütungsexperten vom Vorstand und vom Unternehmen.

Für institutionelle Anleger folgt daraus eine eigene Rechenschaftspflicht. Das Aktiengesetz verlangt bereits eine veröffentlichte Mitwirkungspolitik, einen jährlichen Umsetzungsbericht, Angaben zum Abstimmungsverhalten und Erläuterungen zum Einsatz von Stimmrechtsberatern. Die nächste Stufe ist unternehmensbezogene Begründung. Anleger sollten offenlegen, wer die Entscheidung über eine Vergütungsvorlage traf, welche Analyse vorlag und an welchen Stellen sie von externen Empfehlungen abwichen.

Die Zuständigkeit gehört weiterhin in den Aufsichtsrat. Dort lässt sich Verantwortung benennen. Das Aktionärsvotum braucht jedoch Folgen. Unter 75 Prozent Zustimmung sollte der Aufsichtsrat innerhalb von drei Monaten auf jeden wesentlichen Kritikpunkt antworten. Eine Mehrheitsablehnung sollte binnen sechs Monaten ein neues System auslösen. Erhöhungen der Maximalvergütung und außergewöhnliche Sonderboni gehören als eigene Punkte auf die Tagesordnung. Das Unternehmen muss zudem offenlegen, welches Aufsichtsratsmitglied die Vergütungsarchitektur verantwortet.

Der Preis der Selbstbestätigung

Die Höhe eines Chefgehalts bildet nur einen Teil der Gerechtigkeitsfrage. Sechs Millionen Euro lassen sich rechtfertigen, sobald ein Vorstand über Jahre einen klar messbaren, risikobereinigten Mehrwert schafft. Drei Millionen Euro wirken überzogen, sobald bequeme Ziele, günstige Marktbewegungen und ein nachsichtiger Kontrollkreis den Betrag erzeugen.

Hellwigs Diagnose bleibt aktuell: Formale Aktionärsmacht kann mit faktischer Managermacht zusammenfallen. Die Entwicklung seit seiner Analyse hat eine weitere Ebene geschaffen. Große Vermögensverwalter bündeln Eigentum, passive Produkte verlängern die Beteiligung, Stimmrechtsberater standardisieren Entscheidungen, und vielfach belastete Aufsichtsräte arbeiten innerhalb enger Vergleichs- und Karrierenetzwerke.

Die Kontrollmechanismen versagen daher selten durch einen offenen Regelbruch. Sie verlieren Wirkung durch delegierte Verantwortung, knappe Zeit, kognitive Nähe und Kennzahlen, die Markterfolg mit Managementleistung vermischen. Das 42-Fache beim Gehalt und 89 Prozent Zustimmung auf der Hauptversammlung passen in dieses Bild. Die Verteilung öffnet sich, der formale Konsens bleibt. Wo jeder kontrolliert und keiner persönlich für die Qualität der Kontrolle einsteht, wird Vergütung zu dem Preis, den das System sich selbst bestätigt.

Die Welt auf den Schultern

Colmar verwandelt Geschichte in Gegenwart: Der auferstandene Christus fährt auf einem Touristenbus durch die Altstadt, ein Barettmacher aus Besançon schreibt sich 1537 an seine Fassade, und im Hof des Bartholdi-Museums tragen Arbeit, Gerechtigkeit und Patriotismus eine bronzene Erde.

Vierter Tag, Mittwoch, 12. August 2026

Der auferstandene Christus fährt im Schritttempo durch Colmar. Er klebt auf der Rückseite eines kleinen Touristenbusses, die Arme erhoben, darunter die Worte: „Le Retable d’Issenheim. Une renaissance.“ Vor ihm schiebt sich die Augustgesellschaft durch die Rue des Marchands. Kinder tragen Kappen, Erwachsene suchen den Schatten der Fachwerkhäuser, aus den Straßencafés ragen Sonnenschirme in den Weg.

Das Pathos des Isenheimer Altars ist auf die Fläche eines fahrenden Werbeträgers geschrumpft. Die Formel darunter passt dennoch zur Stadt. Colmar betreibt die Wiedergeburt als alltägliches Geschäft. Renaissance erscheint hier als Baustil und Museumsprogramm, als restauriertes Kunstwerk, wiederbelebte Markthalle, Antiquitätenhandel und gastronomische Erinnerung.

Der Isenheimer Altar selbst entstand zwischen 1512 und 1516. Matthias Grünewald malte die Tafeln, Niclaus von Haguenau schuf die Skulpturen. Von 2018 bis 2022 wurde das Werk umfassend restauriert; Firnisse, Verschmutzungen und Übermalungen wichen, Farben und Einzelheiten traten erneut hervor. Die Werbung auf dem Touristenbus nimmt diese Restaurierung beim Wort: „Une renaissance“, eine Wiedergeburt.

Unsere Ankunft fällt erheblich prosaischer aus. Der Wagen steht auf dem empfohlenen Parkplatz. Drei Euro kostet der Tag. Für eine Stadt, die ihre historische Mitte fast vollständig dem Spaziergang überlässt, ist das eine freundliche Begrüßung.

Vom Titisee sind wir aus der Höhe des Schwarzwalds in die Rheinebene hinabgefahren. Dort oben standen Wald, Schluchsee und trockene Bergwiesen im Mittelpunkt. Colmar empfängt uns mit Stein, Putz, Wasserläufen und Menschen. Die Hitze liegt zwischen den Häusern. Jeder Durchgang und jede schmale Gasse erhält den Rang einer kleinen klimatischen Einrichtung.

An einem Brunnen sitzen drei Frauen im Gegenlicht. Eine trägt ein gebundenes Tuch über dem Haar, eine andere hält sich dicht im Schatten. Links fallen einzelne Wassertropfen aus dem Bild. Hinter ihnen steht auf einer hellen Fassade nur noch das Wortende „QUITES“. Man könnte es als unfreiwilligen Kommentar lesen: Die Stadt schuldet dem Besucher keine Ruhe. Sie bietet ihm Bilder in rascher Folge.

Das Postkartenbild hat Dienstzeiten

Der erste Weg führt an der Markthalle vorbei. Das lang gestreckte Gebäude steht unmittelbar an der Lauch. Rote Lamellen, Sandstein, Ziegel und hohe Rundbogenfenster geben ihm den Ernst einer industriellen Bürgerarchitektur. Louis-Michel Boltz entwarf die Halle 1865. Nach mehreren anderen Nutzungen dient sie heute wieder ihrem ursprünglichen Zweck.

Im Inneren liegen Käse, Wurst, Brot, Obst und Gemüse in jener Ordnung aus, die Märkte seit Jahrhunderten herstellen: die Umgebung in essbarer Form. Munster erscheint in verschiedenen Reifegraden. Neben jungen, noch zurückhaltenden Laiben liegen Exemplare, die aus größerer Entfernung auf sich aufmerksam machen. Die Kuhmilch der Vogesen wird hier nicht zum neutralen Handelsgut. Sie behält Landschaft, Keller und Zeit im Geschmack. Draußen spiegelt sich die Halle im Wasser. Eine Terrasse mit weißen Schirmen schiebt sich über den Kanal. Auf den Brücken sammeln sich Besucher und richten ihre Kameras nach unten.

Dort arbeitet ein Mann im Bachbett. Er trägt Schutzkleidung und ein Gerät auf dem Rücken. Laub, Pflanzenreste und angeschwemmter Unrat müssen aus dem Wasser entfernt werden. Über ihm verfolgt eine Menschentraube die Arbeit. Das berühmte Colmarer Bild aus Blumen, Fachwerk und Wasser entsteht nicht von selbst. Jemand steigt dafür in die Lauch.

Ein paar Meter weiter fahren flache Boote durch den Kanal. Die Passagiere sitzen dicht hintereinander, der Bootsführer steht am Heck. Vor ihnen öffnet sich ein Abschnitt der „Petite Venise“: links ein bewachsenes Restaurant, rechts eine hohe, weitgehend fensterlose Mauer, darüber Lieferwagen und Autos.

Die Perspektive vom Boot verschweigt wenig. Das Wasser führt durch schöne und funktionale Teile der Stadt. Gerade darin unterscheidet sich Colmar von einem vollständig hergerichteten Themenpark. Hinter den bemalten Fassaden liegen Höfe, Anlieferungen, Müllbehälter, Küchen und Arbeitsräume. Die Stadt lebt von ihrem Bild, sie lebt zugleich hinter diesem Bild weiter.

Geschichte in Salzlake

Mittags sitzen wir in dem Gasthaus, das uns die Reiseplanung empfohlen hatte, nahe dem Koïfhus. Die Küche verzichtet auf Leichtigkeit. Vor uns stehen Teller mit Sauerkraut, Kassler, verschiedenen Würsten und Kartoffeln.

Die „Choucroute garnie“ ist kein Gericht für den flüchtigen Hunger. Ihre Bestandteile verlangen Platz und Zeit. Schweinefleisch erscheint gepökelt, geräuchert, gekocht und in Wurstform. Die Küche erzählt von einem Landstrich, in dem der Winter Vorratshaltung verlangte und politische Grenzen häufiger wechselten als Rezepte. Sauerkraut gehört zur deutschen wie zur französischen Vorstellung vom Elsass. Der Streit über seine nationale Zuordnung wäre am Tisch unergiebig. Die Wurst entscheidet sich für keine Verfassung.

Dazu kommt ein kühler elsässischer Wein. Durch die geöffneten Fenster dringen Stimmen aus der Altstadt. Auf den Tellern liegen Region, Klima und bäuerliche Ökonomie in einer Form, die keine Erläuterungstafel benötigt. Nach dem Essen setzt der Spaziergang die historische Chronologie fort. Das Mittelalter steht in den Gassen, die Renaissance an den Fassaden, das neunzehnte Jahrhundert in Markthalle und Bartholdi-Denkmälern. Dazwischen verkauft eine Buchhandlung ihre „Certitude“, ihre Gewissheit, unter gelbem Fachwerk.

Die Gewissheit hat in Colmar einen Laden.

Der Barettmacher schreibt sich an sein Haus

Die Maison Pfister gehört zu den Gebäuden, die man zunächst als Ganzes betrachtet und anschließend in Einzelheiten zerlegt. Ein hölzerner Erker springt über die Straße vor, darüber läuft eine Galerie. Wandmalereien, Wappen, Inschriften und geschnitzte Bauteile füllen die Fassade.

Das Haus entstand 1537 für Ludwig Scherer, einen wohlhabenden Barettmacher aus Besançon. Trotz seiner mittelalterlichen Baumerkmale gilt es als erstes bedeutendes Beispiel der architektonischen Renaissance in Colmar. Der zweigeschossige Eckerker, die hölzerne Galerie, der achteckige Treppenturm und die Wandbilder mit biblischen und weltlichen Szenen machten das Gebäude zum Wahrzeichen der Altstadt.

Auf einer steinernen Tafel steht in frühneuhochdeutscher Schreibweise:

„LVDVIG SCHERER
BARET MACHER
VON BISANS
BVRGER ZV COLMAR
M.D.XXXVII“

Ludwig Scherer, Barettmacher aus Bisanz, dem heutigen Besançon, Bürger zu Colmar, 1537. Die Inschrift gleicht einem steinernen Lebenslauf. Sie verzeichnet Name, Beruf, Herkunft, Bürgerrecht und Baujahr. Ein Zugewanderter aus der Franche-Comté hatte in Colmar Vermögen erworben, das Bürgerrecht erhalten und ein Haus errichtet, dessen Fassade seinen gesellschaftlichen Aufstieg öffentlich machte.

Die Renaissance am Oberrhein bestand nicht allein aus der Wiederentdeckung antiker Formen. Sie beruhte auf Handel, Mobilität, Handwerk und städtischem Selbstbewusstsein. Menschen wechselten Regionen, Sprachen und Herrschaftsräume. Wer erfolgreich war, ließ sich malen, schnitzen oder in Stein schreiben.

Scherer nennt zuerst seinen Namen und dann sein Gewerbe. Der Beruf trägt den Rang eines Titels. Ein Barettmacher durfte sich als Urheber eines Hauses präsentieren, das fünf Jahrhunderte später noch immer Besucher anzieht.

Die Wandbilder führen dieses Programm fort. In einer Szene sitzt eine Gesellschaft an einer gedeckten Tafel. Schüsseln, Brote und Becher stehen vor den Figuren, unter ihnen erscheinen dunklere Gestalten. Andere Felder zeigen biblische Personen, Herrscher und allegorische Gestalten. Religiöse Lehre, politische Geschichte und privater Wohlstand teilen sich eine Fassade. Ein Haus spricht zur Straße.

Es teilt dem Vorübergehenden mit, wer sein Bauherr war, woran er glaubte, welche Bildung er beanspruchte und welchen Platz er in der Stadt einnahm. Das Innere bleibt verborgen. Die Außenseite genügt als öffentliche Biographie. Colmars Renaissance ist deshalb weniger italienisch, als die Bezeichnung vermuten lässt. Sie trägt steile Dächer, Holzgalerien, Erker und deutschsprachige Inschriften. Antike und Bibel treten in die Architektur einer oberrheinischen Handelsstadt ein. Das Ergebnis ist kein Florenz in Miniatur. Es ist eine eigene städtische Form.

Vom Dunkel zur Kirche

Ein schmaler Durchgang öffnet den Blick auf die Dominikanerkirche. Die Wände der Gasse liegen fast schwarz im Schatten. Vorne hängt eine alte Laterne, dahinter leuchtet der farbige Sandstein der Kirche. Der Weg aus dem Dunkel ins Licht wirkt auf dem Foto wie eine genau gebaute theologische Perspektive. Die Stadt hat sie ohne Absicht hergestellt.

Auf der Rückseite des Touristenbusses war zuvor die Auferstehung des Isenheimer Altars zu sehen. Nun endet die enge Gasse an einer Kirche. Colmar verfügt über jene räumlichen Zufälle, bei denen Werbung, Architektur und Passanten für einen Augenblick ein gemeinsames Bild ergeben.

Ein Colmarer trägt die Welt nach New York

In der Rue des Marchands liegt das Geburtshaus Frédéric Auguste Bartholdis. Eine Tafel an der Fassade nennt die entscheidenden Daten: 1834 geboren, 1904 gestorben, Schöpfer der Freiheitsstatue. Das Gebäude geht auf das fünfzehnte Jahrhundert zurück und wurde im achtzehnten Jahrhundert zu einem repräsentativen Stadtpalais umgebaut. Seit 1922 beherbergt es das Musée Bartholdi.

Bartholdi kam am 2. August 1834 in Colmar zur Welt. Nach dem frühen Tod seines Vaters zog seine Mutter 1843 mit den beiden Söhnen nach Paris. Die Verbindung zum Elsass blieb bestehen. Später schuf er neben der New Yorker Freiheitsstatue den Löwen von Belfort, die Fontaine Bruat und zahlreiche weitere Denkmäler.

Seine Biographie verbindet Provinz und Weltgeltung in einer Richtung, die Colmar vertraut ist. Der Künstler verlässt die Stadt, wird in Paris ausgebildet, reist nach Ägypten und in den Jemen und entwirft schließlich eine Figur, die im Hafen von New York zum politischen Zeichen wird.

Die Freiheitsstatue überstrahlte ihren Schöpfer. In Colmar kehrt die Reihenfolge zurück. Hier begegnet man zuerst Bartholdi und erst danach seinem berühmtesten Werk. Im Innenhof steht „Les Grands Soutiens du Monde“. Die bronzene Gruppe entstand 1902. Eine Tafel nennt ihre drei tragenden Kräfte: „Justice, Patriotisme, Travail“ – Gerechtigkeit, Patriotismus, Arbeit.

Drei Figuren stemmen eine gewaltige Kugel. Die Gerechtigkeit trägt eine Waage. Der Patriotismus erscheint mit Schild, Schwert und Fahne. Die Arbeit hält Bücher, Hammer und Zahnrad. Die Erde ruht nicht leicht auf ihren Schultern. Die Körper müssen sich strecken, Arme und Rücken stehen unter Spannung.

Bartholdi hat keine Welt entworfen, die von allein im Gleichgewicht bleibt. Sie braucht Stützen. Die Auswahl der drei Begriffe gehört zum politischen Denken des neunzehnten Jahrhunderts. „Arbeit“ erscheint als produktive und technische Kraft. „Gerechtigkeit“ verleiht der Ordnung Legitimität. „Patriotismus“ bindet die Menschen an das Gemeinwesen.

Heute betrachtet man die Gruppe mit einer anderen Erfahrung. Patriotismus kann schützen und zerstören. Arbeit schafft Wohlstand und verschleißt Körper. Gerechtigkeit bleibt ein Anspruch, den jede Epoche neu prüfen muss. Der Globus über den Figuren wirkt schwerer, als Bartholdi ihn vermutlich gemeint hatte. Im Hof des Geburtshauses eines Weltkünstlers steht damit keine Feier des individuellen Genies. Mehrere Kräfte tragen gemeinsam. Selbst die Welt des Monumentalbildhauers bleibt eine Gemeinschaftsarbeit.

Die Revolution steht im Antiquitätengeschäft

Wenige Straßen weiter führt ein Schaufenster in eine andere politische Epoche. Im Antik-Laden stehen dunkle Bronzefiguren zwischen Uhren, Bildern, Porzellan und kleinen Skulpturen. Eine der Gestalten halten wir für Robespierre. Neben ihr steht eine weitere Figur mit breitem Kragen, rechts eine Frauengestalt. In ihrer Mitte erhebt sich eine winzige goldene Figur auf einem Sockel.

Das Schaufenster versammelt Revolution und bürgerlichen Hausrat. Ein Winterbild hängt über vergoldeten Uhren, einem Dackel aus Bronze, einer Porzellanfigur und einem kleinen Fass. Draußen herrscht Augusthitze.

Hier findet die Wiedergeburt in ihrer kaufmännischen Form statt. Gegenstände wechseln den Besitzer und erhalten eine weitere Biographie. Ein Bild, das einmal in einem Salon hing, landet im Schaufenster. Eine politische Figur wird Dekoration, Gesprächsanlass oder Sammelobjekt.

Beide liegen in Häusern, deren Balken älter sind als viele der Ideen, die in ihnen angeboten werden. Colmar verbindet das Geistige zuverlässig mit dem Gewerblichen. Bücher, Bronze, Käse, Gemälde und Sauerkraut benötigen ein Geschäft, einen Preis und einen Käufer. Auch darin lebt die Renaissance fort. Das Bürgertum des sechzehnten Jahrhunderts ließ seinen Erfolg an Fassaden schreiben. Das heutige Colmar stellt Vergangenheit in Schaufenster, Museen und Speisekarten. Die Formen haben sich geändert, die Verbindung von Erinnerung und Handel blieb erhalten.

Eine Stadt im Umlauf

Am Nachmittag ist die Lauch voller Boote. Die Schatten werden länger, doch die Hitze weicht kaum. Blumen hängen über den Geländern, Restaurants besetzen die Ufer, Menschen stehen auf den Brücken und betrachten Menschen, die im Boot sitzen und ihrerseits die Menschen auf den Brücken betrachten. Der Kreislauf des Sehens gehört zum Geschäftsmodell der „Petite Venise“. Jeder ist für einen Augenblick Zuschauer und Motiv.

Colmar widersteht dennoch der vollständigen Verwandlung in eine Kulisse. Der Arbeiter im Wasser, die Lieferwagen hinter der Markthalle, die abgeblätterten Stellen an einzelnen Fassaden und die geschlossenen Fensterläden verhindern den Eindruck einer versiegelten Altstadt. Die Schönheit hat Gebrauchsspuren.

Auf der Rückfahrt steigt die Straße wieder in den Schwarzwald. Hinter uns bleiben die Lauch, die Fachwerkhäuser, das bronzene Gewicht der Welt und die Inschrift des Barettmachers. Ludwig Scherer kam aus Besançon und wurde Bürger von Colmar. Bartholdi kam aus Colmar und schuf ein Symbol für New York. Der Isenheimer Altar entstand für ein Klosterhospital, wurde nach Colmar gebracht, restauriert und fährt nun als Bild auf einem Touristenbus durch die Stadt.

Nichts davon ist an seinem ursprünglichen Ort geblieben. Gerade diese Bewegungen haben die Dinge erhalten. Colmar bewahrt Vergangenheit nicht unter einem luftdichten Abschluss. Es setzt sie in Umlauf: auf Fassaden, Tellern, Marktständen, in Museumsräumen, Antiquariaten und auf der Rückwand eines kleinen Busses. Der französische Satz fährt noch eine Weile mit uns: „Une renaissance.“ In Colmar klingt er weniger nach Werbung als nach einer Arbeitsbeschreibung.

Der Mond nimmt dem Abend das Licht

Die Rückkehr aus Colmar endet an der Strandbar des Titisees. Um 19.23 Uhr beginnt über Titisee-Neustadt die partielle Sonnenfinsternis. Um 20.17 Uhr erreicht sie bei einer lokalen Magnitude von 0,916 ihr Maximum; um 20.45 Uhr ist das Schauspiel vorüber. Die Totalitätszone zieht an diesem Abend über Grönland, Island und Spanien. Über dem Hochschwarzwald bleibt eine tief stehende Sonnensichel, die noch während der Finsternis dem Horizont entgegensinkt.

Die Strandbar verwandelt sich für eine Stunde in ein improvisiertes Observatorium. Zwischen Liegestühlen, Bierflaschen und gelben Getränkekisten sitzen Menschen mit schwarzen Schutzbrillen. Ein Mädchen presst den Filter mit beiden Händen vors Gesicht. Ein Junge im weißen Trikot prüft den Himmel. Andere halten ihre Mobiltelefone hoch, als ließe sich der Mond mit der üblichen Wischbewegung näher heranholen. Die Feriengesellschaft betrachtet gemeinsam denselben Himmelskörper und bleibt doch in ihren privaten Gesten gefangen: staunend, fotografierend, plaudernd, trinkend.

Das Licht fällt flacher über den See. Kiefern und Fichten stehen als schwarze Scherenschnitte vor einem kupferfarbenen Himmel. Die gewöhnliche Abendsonne hat ihren vertrauten Kreis verloren; der Mond nimmt ihr einen Teil der Form und gibt ihr dafür eine seltene Präzision. Colmar hatte uns am Vormittag Bartholdis bronzene Weltkugel gezeigt, getragen von Gerechtigkeit, Patriotismus und Arbeit. Am Titisee schiebt sich eine zweite, dunkle Kugel vor das Licht und ordnet für einige Minuten sämtliche Blicke. Der Tag begann in Colmar mit der Renaissance als Wiederkehr alter Bilder. Er endet mit einem Bild, das erst durch sein Verschwinden entsteht. Die Sonne bleibt sichtbar, doch ihre Vollständigkeit fehlt.

Vom Beobachten zum Eingreifen

Der Bundesnachrichtendienst soll gegnerische Cyberinfrastruktur künftig stören und in besonderen Lagen sogar Angriffsfähigkeiten schwächen dürfen. Die Reform bestätigt einen zentralen Befund der von AFCEA Bonn initiierten Studie „Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030“: Erkenntnisse allein schützen keinen Staat. Entscheidend ist, ob aus ihnen rechtzeitig eine verantwortete Wirkung entsteht.

Deutschland zieht eine neue Grenze für seine Nachrichtendienste. Der Bundesnachrichtendienst soll Informationen nicht mehr ausschließlich beschaffen und auswerten. In begrenzten Fällen könnte er ausländische Computersysteme angreifen, die Infrastruktur gegnerischer Cyberoperationen lahmlegen und in einer „nachrichtendienstlichen Sonderlage“ weitergehende Maßnahmen ergreifen. Selbst eine Sabotageaktion gegen eine russische Drohnenfabrik erscheint damit denkbar.

BND-Präsident Martin Jäger beschreibt die Logik ungewöhnlich offen. Deutschland müsse zeigen, dass es zu vergleichbaren Handlungen fähig sei, „damit auch die andere Seite den Schmerz spürt“. Aus einem Dienst, der Gefahren beobachtet, soll eine Behörde werden, die einen Gegner im äußersten Fall an der Fortsetzung seines Handelns hindert.

Die AFCEA-Studie „Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030“ beschreibt genau jene Lücke, die damit geschlossen werden soll. Deutschland verfügt über leistungsfähige Behörden, Fachleute, technische Systeme und spezialisierte Organisationen. Dennoch erreicht die gesamtstaatliche Handlungsfähigkeit im ermittelten Index lediglich 36 von 100 Punkten. 61 Prozent der Befragten sehen ihre Organisation in Krisen nur eingeschränkt handlungsfähig, 15 Prozent verneinen die Handlungsfähigkeit vollständig. Niemand bewertet die eigene Organisation als uneingeschränkt handlungsfähig.

Das Defizit entsteht häufig zwischen Erkenntnis und Entscheidung. Informationen werden gesammelt, Lagen beschrieben und Zuständigkeiten geprüft. Währenddessen kann ein Gegner weiterhandeln. Cyberattacken, Sabotage, Desinformation, Drohnenflüge und Einflussoperationen verteilen sich auf verschiedene Behörden und Rechtsgebiete. Der Angreifer verbindet sie zu einer Strategie.

Gerade die Debatten auf der AFCEA-Fachausstellung haben gezeigt, wie konkret dieses Problem bei der Drohnenabwehr wird. Technik zur Aufklärung und Abwehr ist vorhanden. Zugleich bleiben Zuständigkeiten zersplittert, Entscheidungswege lang und Eingriffsmöglichkeiten begrenzt. Eine Drohne kann erkannt werden, ohne dass sofort geklärt ist, wer sie abwehren darf. Ähnlich verhält es sich mit einem Cyberangriff, dessen Ursprung bekannt ist, während die gegnerische Infrastruktur unangetastet bleibt.

Die Reform des Bundesnachrichtendienstes folgt damit der Wirkungslogik der GSÖ-Studie. Entscheidend ist nicht allein, welche Behörde formal zuständig ist. Entscheidend ist, wer eine erkannte Gefahr tatsächlich unterbrechen kann, welche Entscheidung dafür erforderlich ist und wer die politische Verantwortung trägt.

Neue Befugnisse schaffen allerdings noch keine Handlungsfähigkeit. Sie benötigen klare Eingriffsschwellen, belastbare Erkenntnisse über den Urheber, abgestimmte Verfahren und eine wirksame Kontrolle. Die Sabotage einer Drohnenfabrik ist kein gewöhnlicher Behördenvorgang. Sie kann Menschen gefährden, außenpolitische Folgen auslösen und eine Eskalation beschleunigen.

Die entscheidende Frage reicht deshalb über das Nachrichtendienstrecht hinaus: Kann Deutschland aus einer belastbaren Erkenntnis rechtzeitig eine politisch verantwortete Wirkung erzeugen?

Die Antwort entscheidet darüber, ob ein gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem mehr ist als die Summe seiner Behörden.